Seelenwächter

Seelenwächter sind ein seltsames Phänomen.

Sie sehen und gehen in die Seelen ihrer Mitmenschen, sie heilen und räumen auf, beseitigen Chaos und verhindern Selbstmorde.

Eine extreme Form der Empathie, wenn man so will, doch so einfach ist die Situation für Sue und Colin Kepler, zu Beginn 18-jährig, nicht.
Die Zwillinge sind so unterschiedlich in ihrem Wesen, haben dabei doch so viel Verständnis füreinander, dass sie sich ein Leben ohne einander nicht vorstellen können.

Nach einem schweren Schicksalsschlag, an dem Colin sich die Schuld gibt, weigert er sich, jemals wieder von seinen Fähigkeiten als Seelenwächter Gebrauch zu machen. Nicht einmal Sues Überredungskünste könnten ihn dazu bewegen und schlussendlich akzeptiert sie seine Haltung, nein, sie nimmt ihm sogar schwerwiegende Entscheidungen ab.
Als die zwei zusammen nach Bückeburg gehen, um eine schulische Ausbildung zu machen, erhalten sie am Einzugstag zwei Pakete, die Sue nach einer ersten Prüfung unterschlägt, weil sie sich eindeutig in die Kategorie "hat was mit unseren Fähigkeiten zu tun" steckt.
Dies tut sie zu Recht, denn in dem an sie adressierten Päckchen findet sie einen seltsamen Anzug aus einem noch viel seltameren Material, ein Paar passende Stiefel und einen Brief.
Die Lösung scheint nahe, endlich wird sie erfahren, wieso sie ist wie sie ist!

Und dieses Wissen ändert alles. Sind wir doch ehrlich, wer will schon ein DÄMON sein?

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Hier noch zwei Leseproben aus den ersten beiden Teilen, die bisher erschienen sind:

[Leseprobe] Seelenwächter Band 1 - Die Zwillinge

Herbst 1994
„Darf ich reinkommen?“
Es ist spät abends, Colin Kepler blinzelt schläfrig zum Türspalt, in dem seine Zwillingsschwester Sue steht. Er nickt und tastet zeitgleich nach dem Schalter seiner Klemmlampe am Bett.
„Was ist los?“
Sue schlüpft hinein und schließt die Tür, huscht zu ihm ans Bett. In stummem Einverständnis rückt Colin zur Wand, hebt die Decke und Sue legt sich darunter.
Nur Augenblicke später liegt sie in seinem Arm und genießt einige Atemzüge lang die Nähe und Wärme, die sie nur bei ihm findet. Dann beginnt sie zu sprechen, ohne dass es seiner Aufforderung bedarf.
„Frank geht mir nicht aus dem Kopf“, flüstert sie.
„Hm? Was meinst du?“
„Na ja, hast du in letzter Zeit mal in ihn gesehen?“, fragt sie und erntet ein unwilliges Brummen.
„Du weißt genau, dass ich nicht freiwillig in andere sehe. Wovon also sprichst du?“
„Ehrlich mal, Col, es ist ja überhaupt nicht schlimm, dass dir 99,9% aller Menschen am Arsch vorbeigehen, aber dein bester Freund dürfte nicht dazugehören.“ Ihre Maßregelung fördert seinen Unmut.
„Sue, nur weil wir in fremde Seelen sehen können, heißt das noch lange nicht, dass wir auch hineinsehen dürfen. Schon mal was von Intimsphäre gehört?“
Sie kichert. „Man merkt, dass du dich wirklich gut gegen dieses Können abschottest. Ich sehe auch nicht in jeden, aber Frank ist ein guter Freund und was da derzeit mit ihm los ist, geht uns als seine Freunde durchaus etwas an!“
„Stimmt. Ab genau dem Moment, in dem er einem von uns davon erzählt, Sue. Keine Sekunde früher!“
Sie sieht ihn ernst an. „Col, ich weiß nicht wieso, aber Frank will sich umbringen.“
Bombe geplatzt. Mit aufgerissenen Augen starrt er sie an. „Was?!“ Schlagartig ist er hellwach.
Sie nickt nur.
„Du meinst, er will Selbstmord begehen?“
„Ja. Er hat ziemlich konkrete Pläne. Das weiß ich aber aus einem anderen Grund, nicht wegen der Seelenwacht.“
„Wie bitte? Du hast auch noch seine Gedanken gelesen? Wann?“
„Heute Nachmittag, nach Sport. Ich hab ihm was von meinem Mineralwasser gegeben, und als unsere Hände sich kurz berührten, sah ich alles ganz deutlich.“
Colin grübelt, wie er nach Einzelheiten fragen kann, während er sich doch so vehement gegen all diese Dinge sperrt.
Als wäre es nicht schon gruselig genug, die Seelenwelten ihrer Mitmenschen zu sehen – fremde Gefühle, Wünsche und Sorgen – nein, vor etwa zwei Jahren haben sie herausgefunden, dass sie auch Bilder und Geräusche aus den Köpfen anderer Menschen ziehen können.
Jetzt sind sie achtzehn, stehen kurz vor ihrem Abitur und sollten sich eigentlich um ihre eigenen Zukunftspläne kümmern.
„Du fragst gar nicht, was er plant“, stellt Sue leise fest und setzt sich auf.
„Ich weiß nicht, ob ich es wissen will.“
„Das kann nicht dein Ernst sein, Col! Er ist dein bester Freund und wir kennen ihn seit so vielen Jahren!“
Colin richtet sich auch auf, schiebt die Bettdecke von seinen Beinen. „Ja, das ist er. Möglicherweise sieht er das anders?“
„Nein, tut er nicht. Du weißt genau, wie gern er zu unserer Großfamilie gehören würde. Und dies ist deine Chance, dich mit der Seelenwacht vertraut zu machen.“
„Das will ich nicht!“, faucht er, klettert aus dem Bett und geht auf und ab.
„Du willst Frank sterben lassen?“
„Ja … Nein! Natürlich nicht! Ich kann das nicht“, bringt er hervor, bleibt stehen und sieht Sue an. „Aber du kannst es.“
Sie lacht leise auf, dann schüttelt sie den Kopf. „Nein. Nicht meine Baustelle, Col. Ich passe auf alle auf, mit denen ich mein Leben verbringe, ausnahmslos alle. Und natürlich auch auf Frank, aber diese Sache wirst du erledigen.“
Colin schluckt. „Ich soll seine Seele aufräumen?“
Sie erhebt sich, legt ihre Hände auf seine Brust. „Du kannst es, auch wenn du es noch nicht weißt. Du bist genauso ein Seelenwächter, wie ich. Frank braucht dich, nicht das Mädchen, das ihn vor drei Jahren hat abblitzen lassen.“
Er nickt zögerlich, während er ihre Hände ergreift und kurz drückt. „Hilfst du mir?“
„Ich werde da sein, wenn du mich brauchst.“
„Danke.“
„Was hältst du von nem Cappu?“
Colin lächelt gequält. An Schlaf oder auch nur an Ruhe ist nach diesen Eröffnungen nicht mehr zu denken.
Sie huscht hinaus, kehrt nach zehn Minuten mit zwei großen Bechern Cappuccino und einer zwischen ihren Zähnen klemmenden Tüte Kekse zurück.
Sie schlürfen an den sahnigen Getränken und kuscheln sich im Schneidersitz unter seine Bettdecke.
„Toll, in Krümeln schlafen“, mault Colin kauend.
„Tu doch nicht so, als könntest du heute Nacht noch schlafen, Col. Mich wundert immer noch, dass du mich gar nicht fragst, wie er es tun will.“
Hustend verteilt Colin weitere Kekskrümel auf der Bettdecke, ehe er es schafft, die Hand an den Mund zu heben. Er schluckt mühsam und trinkt einen Schluck Cappuccino, bevor er antwortet: „Das hast du vorhin schon gesagt und ich denke, ich will es gar nicht wissen.“
„Und warum nicht?“
„Weil ich mich vor der Antwort fürchte.“
„Okay. Wichtig ist nur, dass du ihm hilfst.“
„Was mich interessieren würde: Sehen wir eigentlich das Gleiche, wenn wir in jemandes Seele gucken?“
„Ich denke schon. Die meisten Menschen haben eine riesige, runde Bibliothek mit ihren Gefühlen. Ich sehe jedes davon als eine Art Buch, kompakt, aber in verschiedenen Ausgaben vorhanden.“
„Und wenn was nicht in Ordnung ist, liegen die Gefühle als wirrer Haufen in der Mitte auf dem Boden, nicht wahr?“
„Ja, genau. Also sehen wir das Gleiche … Ist ein beruhigender Gedanke.“
Colin sieht sie ernst an. „Wieso sehe ich deine Seele nicht?“
Sie stockt, setzt die Tasse ab und mustert ihn eine Weile schweigend. „Weil ich mich abschirme. Es tut mir leid, Col, aber ich will nicht, dass irgendjemand weiß, wie es in mir aussieht.“
Er überlegt einige Augenblicke lang, ob er ihr diese Haltung übelnehmen muss, dann schüttelt er kaum merklich den Kopf. „Du weißt aber schon, dass ich auch ohne Seelenwacht spüre, wie es dir geht, oder?“
Sie lächelt. „Sicher. Du bist mein Zwillingsbruder, die einzige Person auf der Welt, mit der ich alles teilen würde. Immer und überall.“
„Geht mir genauso.“
„Weißt du noch, wie das Theater mit unseren Fähigkeiten anfing?“, fragt sie, nachdem sie eine Weile schweigend in ihren Becher gestarrt hat.
„Bist du seit damals noch oft gesprungen?“
Sie schüttelt den Kopf. „Nur einmal. Zu Erik ins Krankenhaus.“ Gedankenverloren nimmt sie ein Foto von der Wand hinter Colins Bett. Darauf ist die gesamte Keplerfamilie zu sehen.
Erich und Marita sowie deren sechs Kinder.
Colin ist der Älteste, auch wenn ihn nur zwölf Minuten von seiner Zwillingsschwester trennen. Danach kommt der inzwischen 15-jährige Derek. Er ist der Erste, der wirklich einen englischen Namen bekommen hat. Sue und Colin heißen eigentlich Susanne und Nicholas. Und während Sue eine absolute Abneigung gegen ihren Namen entwickelte, ertrug Colin es nicht, dauernd ‚Nick‘ oder ‚Nico‘ genannt zu werden. Er fand heraus, dass Colin eine Kurzform von Nicholas darstellt, die im elisabethanischen England aufkam.
Nach Derek wurde der heute 14-jährige Benjamin geboren und ein paar Jahre später kamen zuerst Luke und dann Erik zur Welt.
Luke heißt so, weil Marita ein Star Wars Fan der ersten Stunde ist und sich bei der Geburt ihres fünften Kindes endlich gegen die Einwände Erichs hat durchsetzen können. Luke ist mittlerweile zehn und das Nesthäkchen Erik neun. Müßig zu erklären, dass Erik seinen Namen vom Vater bekommen hat.
Ein liebevolles Lächeln huscht über Sues Gesicht, während sie mit den Fingerspitzen über das Foto streicht.
„Sie alle zeigen bislang keine Fähigkeiten. Ich finde, das ist ein gutes Zeichen.“
Colin nickt zustimmend und lässt sich neben sie fallen, um auch einen Blick auf das Foto zu werfen.
„Bei Eriks Unfall bist du zuletzt gesprungen?“, knüpft er an.
„Ja, es fühlte sich noch genauso schräg an wie das erste Mal.“
„Ist dir klar, dass du eine Fähigkeit hast, die ich nicht habe?“
Erstaunt sieht sie ihn an und runzelt die Stirn. „Du meinst die Sache mit dem Feuer, dass ich quasi ... feuerfest bin?“
„Sue, du bist nicht nur feuerfest, sondern hitzeresistent in jeglicher Form! Ach so, wollt ich dir eh noch erzählen: Ich war doch gestern bei Oma, um ihr die wöchentliche Mineralwasserlieferung zu bringen.“
„Ja, und?“
„Sie hat mir nen Kaffee gemacht und von früher erzählt. Du kennst sie doch, ab und zu fängt sie mit so was an.“
Sue nickt nur auffordernd.
„Sie hat gesagt, dass du schon als ganz kleines Kind so warst. Du hast dir mit vier einen Topf voll Nudelwasser vom Herd gezogen und bist einfach in der kochend heißen Pfütze sitzen geblieben.“
„Im Ernst? Mit vier? Wieso haben Ma und Papa nie was davon gesagt?“
„Ich denke, von der Sache hat Papa nix mitgekriegt.“
„Aber sie wird es ihm doch erzählt haben?“
„Keine Ahnung, aber das war nicht das einzige Mal. Weißt du noch, wie sehr wir Playmobil geliebt haben?“
„Ja, meine Piraten waren immer cooler als deine Polizisten!“ Sie lacht.
„Und einer der Piraten hatte mal seinen Säbel im Toaster verloren … Und während du versucht hast, das Ding da rauszukriegen, hast du ihn angeschaltet. Papa hat deine Hand rausgeholt und sich haufenweise Brandblasen zugezogen. An deiner Hand war nichts. Einfach nichts. Oma sagte, Ma und Papa ignorieren, dass du anders bist. Zumindest haben sie es damals getan.“
„Sie tun es noch immer, Col. Oder kannst du dich erinnern, dass sie jemals versucht hätten, mich zu fragen, ob ich darüber etwas weiß? Oder wie es mir damit geht?“
„Nein“, gibt er zurück und klingt resigniert. „Sie wollen es nicht wahrhaben. Du weißt schon: Ignoranz ist die Waffe des Ungläubigen.“
„Wie philosophisch, Col! Und das um diese Uhrzeit. Du meinst also, jeder wusste, dass ich anders bin und alle haben es bewusst ignoriert?“
„Jupps. Sieh sie dir doch an, wenn du vergisst, nen Topflappen zu benutzen, oder wenn wir Pellkartoffeln essen. Keiner kann die Dinger so schnell anfassen, wie du, aber niemand spricht dich drauf an.“
„Sie haben Angst davor.“
Colin mustert sie. „Ich nicht, nicht vor dir. Ich meine, was du kannst, ist schon ziemlich gruselig, aber du bist und bleibst mein Ein und Alles.“
Sie lächelt. „Das hast du lieb gesagt. Aber ich verstehe nicht, wieso du das nicht auch kannst. Ich dachte immer, wir wären gleich, was diese Dinge angeht.“
„Ich bin auch nie gesprungen, vielleicht bin ich beherrschter, als du, ruhiger. Beide Sprünge von dir waren begleitet von starken Gefühlen. Vielleicht sind Gefühle wirklich der Schlüssel zu allem?“
„Ganz sicher sogar. Sonst könnten wir nicht in fremde Seelen gehen, um sie zu ordnen. Manchmal ist das ganz schön aufwendig, weißt du? Je länger ein Mensch mit seinem Kummer allein bleibt, umso größer wird das Chaos.“
„Hm, aber Frank hatte die ganze Zeit einen Seelenwächter bei sich, du hast doch vorhin gesagt, dass du immer auf alle aufpasst, mit denen du zutun hast.“
„Ja, aber ich kann nicht alles regeln. Ich kann die schlimmen Gefühle aussortieren und sie ihm nehmen, aber ich darf nicht alle wegnehmen, sie sind schließlich ein Teil von ihm. Und selbst wenn ich täglich bei ihm aufräume, es bleibt ne Menge liegen. Dafür sorgen seine Eltern schon.“
Colin seufzt. „Die sind ja auch die Hölle. Ich frage mich immer, wieso die noch verheiratet sind.“
„Na ja, denkst du wirklich, sie würden Frank mehr Aufmerksamkeit schenken, wenn sie getrennt wären? Nein, Col, sie versauen die Seele ihres eigenen Kindes, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden. Aus Selbstsucht und mangelndem Einfühlungsvermögen.“ Während sie dies sagt, wird ihr klar, dass das nicht nur für Franks Eltern gilt, sondern dass ihre eigenen Eltern – ausschließlich ihr gegenüber – genauso sind. „Mama ist auch so, Col. Es interessiert sie nicht, wie es mir wirklich geht, sie will nur den Schein wahren. Nach außen heile Welt und hier im Haus lässt sie mich in so vielen Situationen merken, wie egal ich ihr bin.“
„Hey“, murmelt er und zieht sie in seine Arme. „Lass sie machen, ich weiß es besser.“
„Sie hält mich für egoistisch, Col. Mich!“ Sie schluchzt auf.
„Ja, weil sie keine Ahnung hat, aus keinem anderen Grund!“
„Ist das wirklich so einfach? Ich meine, ich habe so oft in sie gesehen, versucht, ihr den Schmerz und die Ängste zu nehmen, aber bei ihr sind Gefühle keine kompakten Gebilde. Wenn viele so was wie Bücher haben, dann hat sie Papierstapel, durcheinander, wirr, ohne jedes Ordnungsprinzip und deshalb für mich unmöglich zu sortieren. Ich wünsche mir schon so lange, dass sie normal zu mir ist, aber seit der fünften Klasse und meinem ersten Sprung ist das einfach undenkbar.“
„Scht, Süße“, wispert er. „Eines Tages wirst du wissen, wofür das alles gut ist. Und bis dahin: Erklär mir, was ich mit Frank machen soll, ja?“
Sie wischt sich die Tränen ab und sieht ihn an. „Weißt du eigentlich, wie sehr ich dich liebe, Col?“
Er lächelt. „Ja, weil ich dich genauso sehr liebe.“
Dicht aneinander gekuschelt besprechen sie die Vorgehensweise, um Frank zu helfen.
(c) Nathan Jaeger


[Leseprobe] Seelenwächter Band 2 - Der Bruderkrieg

Er läuft durch die nächtlichen Straßen Berlins, bemüht sich nicht einmal im Ansatz darum, unauffällig zu bleiben.
Ganz im Gegenteil, er hofft, dass irgendeiner der Nachtschwärmer, die sich ob der sommerlichen Temperaturen beim Tanz in den Mai noch sehr zahlreich in den Straßen tummeln, dumm genug ist, sich mit ihm anzulegen.
Die da, zum Beispiel. Kreon hält schnurstracks auf eine Gruppe von etwa dreißigjährigen Männern zu, die sich lautstark über das weibliche Angebot in der zuletzt besuchten Kneipe unterhalten. Er rempelt gleich zwei von ihnen an, indem er einfach ohne Rücksicht weitergeht.
„He, passen Sie doch auf!“, fährt einer der ins Straucheln Gekommenen ihn an.
Kreon geht noch ein paar Schritte weiter, wendet halbherzig den Kopf, darum bemüht, sich sein bösartiges Grinsen nicht ansehen zu lassen.
Einer hat angebissen, denkt er. Vielleicht sogar alle vier? Abwarten.
Betont beiläufig fragt er: „Reden Sie mit mir?“
„Ja, du Hirni, du kannst hier doch nicht einfach rumrennen und uns anrempeln!“ Sie sehen trainiert aus; wie Sportler. Möglicherweise Footballspieler?
„Wer sollte mich daran hindern?“, erkundigt sich Kreon und wirkt ein kleines bisschen amüsiert. Unauffällig sieht er sich um, mit etwas Geschick – und davon besitzt er nun echt jede Menge – könnte er die Kerle in die Gasse rechts von ihm dirigieren.
„Hör mal, du Opfer, falls du nicht zählen gelernt hast: Wir sind zu viert und du bist allein.“
„Zweifelsohne ein schlagendes Argument, nicht wahr?“ Kreon nickt nachdenklich. „Vielleicht sollte ich euch Gelegenheit geben, noch ein paar Freunde anzurufen und um Hilfe zu bitten?“
Zuerst sind alle vier sprachlos. So viel Unverfrorenheit erleben sie vermutlich selten.
„Alter, hast du dich mal angesehen? Was glaubst du, wer du bist? Neo? Langer, schwarzer Mantel, böser Blick und schon bist du der Held, oder wie?“
Kreon grinst über den Vergleich.
Nein, mit Neo aus der Matrix, einem Film, der seit drei Jahren für einen enormen Hype in puncto Sonnenbrillen und Lederkleidung sorgt, hat er nichts gemein. Zumindest fast nichts.
„Heldentum wird überbewertet“, versichert Kreon schulterzuckend und stellt erfreut fest, dass er es im Laufe der Unterhaltung tatsächlich geschafft hat, seine heutigen Spielgefährten in die Gasse zu dirigieren. Manchmal ist es zu einfach.
Eine leise Enttäuschung schleicht sich in sein Bewusstsein. Er schüttelt sie ab, bleibt stehen. Sein vermeintlicher Rückzug hierher findet ein Ende und er richtet sich auf.
Er ist nicht riesig, aber immerhin etwas über einsneunzig groß, das kann manchmal recht eindrucksvoll wirken. In diesem Fall nicht, drei der Männer sind größer als er. Ein Jammer.
Kreon lächelt.
Und er lächelt noch immer, als er ein paar Minuten später sein Schwert zurück in die Scheide steckt und allein die Gasse verlässt.
Verdammte Spinner, denkt er. Erst tun sie großkotzig und dann ist alles, was sie können, ihre Mäuler aufreißen.
(c) Nathan Jaeger


Leseprobe Seelenwächter 3 - Die Freundschaft
Die Welt wird dich niemals so kennen, wie ich dich kenne.

Colin Kepler







Kapitel 1


Das sanfte Dingdong der Türklingel ertönt. Colin Kepler tritt aus der Küche in den Flur und betätigt den Türsummer, bevor er die Wohnungstür öffnet und wieder in die Küche geht.

Das Essen ist fast fertig, der Tisch eingedeckt und sein Besuch stöckelt sicher gerade die vier Etagen nach oben.

Er muss grinsen bei diesem Gedanken. Yvonne wird sich auch für den heute geplanten Filmabend mit vorhergehendem Abendessen wieder aufgebrezelt haben.

Ihr drittes Date. Das erste, seitdem er aus Wolfsburg zurück ist. Er denkt kurz an seine Zwillingsschwester Teras, die endlich wieder ganz fit und auf dem Damm ist. Ihr Autounfall hat vor einigen Wochen wirklich alles auf den Kopf gestellt, was man in seinem Leben nur auf den Kopf stellen kann.

Er dreht den Herd ab und kehrt zur Wohnungstür zurück. Yvonne ist auf den letzten Treppenabsatz angekommen und lächelt ihn strahlend an.

„Schön, dass du da bist. Komm herein.“

„Danke für die Einladung“, haucht sie.

Umarmung, Küsschen rechts, Küsschen links, dann steht die zierliche, blonde Yvonne in seinem Flur und lässt sich den leichten Mantel abnehmen.

Wie erwartet trägt sie ein Minikleid und High Heels, die ihre schlanken Beine länger erscheinen lassen.

Ihre Handtasche, die irgendwie nicht recht zum Kleid passen will, stellt sie auf seinen Schuhschrank und öffnet sie.

„Ich hab beschlossen, ein Taxi nach Hause zu nehmen, und deshalb können wir den ganz sorglos genießen“, sagt sie und reicht ihm eine Flasche Absinth. „Du hast neulich gesagt, dass du den gern magst … Ich hab ihn von meinem Urlaub aus Tschechien mitgebracht.“

„Wow, das ist klasse, vielen Dank!“ Colin freut sich ehrlich. Selten nur kommt er in den Genuss von echtem Absinth. Er nimmt die Flasche entgegen und deutet ihr, sich im Esszimmer hinzusetzen.

„Das Essen ist fertig. Was möchtest du trinken?“

„Ein Wasser, bitte. Zum Essen brauche ich keinen Alkohol.“

Er lacht. „Oh, um anschließend Filme zu gucken, schon?“

„Filme nicht, Horrorfilme, ja.“

„Okay, dein Wasser kommt sofort.“ Er wendet sich um, geht den Flur hinab und in die Küche.

Als er das Wasser einschenkt und seine Cola mitnehmen will, erscheint sie hinter ihm.

„Verrätst du mir, wo ich dein Badezimmer finde?“

„Klar, hier rechts ab.“

Sie verschwindet darin und er bringt die Gläser an den Tisch.

Danach holt er die Vorspeisen und sieht nach dem Kamin. Holz nachlegen muss er nicht, so kalt ist es nicht. Eigentlich hat er den Kamin sowieso nur angemacht, weil es gemütlicher ist. In seinem großen Wohnzimmer mit den offen liegenden Dachbalken gleich doppelt.

Sie essen und unterhalten sich über Verschiedenes. Die Arbeit klammern sie dabei nicht aus. Yvonne arbeitet in der gleichen Firma, aber in einer anderen Abteilung als er selbst.

Gemeinsam lachen sie über verunglückte Experimente und freuen sich miteinander über forschungstechnische Durchbrüche.

Nach dem Essen räumt Colin alles in die Küche. Die Spülmaschine kann er morgen anschmeißen.

„Okay“, sagt er, als er sie in das über einen Wanddurchbruch mit dem Esszimmer verbundene Wohnzimmer bittet. „Welchen Film gucken wir zuerst?“

Er reicht ihr die DVD-Hüllen von diversen Horrorfilmen und setzt sich neben sie auf das große Sofa.

„Hm, den hier zuerst. Den hab ich ewig nicht gesehen!“

Er lacht. „Ach, du gehörst also auch zu den Fans indizierter Filme?“ Diesen speziellen hat er höchstpersönlich von einer uralten Videokassette mit Hilfe seines PCs digitalisiert und auf eine DVD gebannt.

Wenig später läuft ‚Tanz der Teufel‘.

Colin verschwindet kurz, um den Absinth vorzubereiten und kehrt mit stilechten Gläsern und Löffeln zurück.

„Dann kann’s ja losgehen!“

Es dauert keine zehn Minuten, dann lehnt sich Yvonne an ihn und er legt den Arm um sie.

Irgendwie schweifen seine Gedanken noch einmal kurz zu seiner Zwillingsschwester ab. Wenn sie doch auch so mit Toni auf einem Sofa sitzen könnte, denkt er und sieht auf den Tisch vor sich. Neben den Fernbedienungen, einer Schale mit Knabberkram und den Gläsern findet er … keinHandy.

Seltsam, dabei ist er sicher, es dorthin gelegt zu haben.

„Sag mal, hast du mein Handy irgendwo herumliegen sehen?“, fragt er.

Yvonnes Blick fliegt zu ihm. „Nein, wieso fragst du?“

„Ich weiß nur gern, wo es ist. Seit dem Unfall habe ich es immer in meiner Nähe.“

„Denkst du denn, dass deiner Schwester so was noch mal passieren wird?“

„Nein, das wohl nicht! Hoffe ich zumindest. Keine Ahnung, ist auch egal. Wenn was sein sollte, wird sich schon wer melden.“

Sie lächelt. „Ja, das denke ich auch. Mach dir mal keine Sorgen.“

Er nickt und zieht sie dichter an sich. „Hast du eine Ahnung, wie gut du riechst, Honey?“

Ein ganz leichtes, frisch riechendes Parfum hat sie heute aufgelegt. Er schließt genießend die Augen und schiebt seine Nase sacht in ihr Haar.

Anstatt einer Antwort kuschelt sie sich an ihn und dreht den Kopf. Seine Lippen streifen ihre Stirn, wandern weiter über ihre Wange zu ihrem Mund.

Von wegen Taxi, Honey, du wirst heute Nacht genau hier bleiben, denkt er und vertieft den Kuss, während in der Waldhütte im Film die schlimmsten Dinge passieren.
* * *


„Hm, er geht nicht an sein Handy und das Festnetz ist besetzt … Er ist also zu Hause“, resümiert Vittorio Kane und sieht seinen jüngeren Bruder Toni an. „Tut mir leid, ich weiß nicht, wie wir ihn sonst erreichen sollten.“

Toni sinkt zurück in den Kissenstapel auf seinem Sofa und stöhnt. „Ich übersteh das nicht, Vito. Ich … spüre sie seit den letzten SMS nicht mehr. Was, wenn sie wirklich tot ist?“

„Sag so was nicht! Sie ist dem Schwein irgendwie entkommen, sonst hätte sie dir nicht schreiben können. Also ist sie zu Hause und in Sicherheit. Zumindest hoffe ich das.“ Vito setzt sich neben Toni. „Ich verstehe nur nicht, wieso wir Colin nicht erreichen können!“

„Er wird unterwegs sein, vermutlich bei einer Freundin oder so. Ist doch Wochenende! Noch dazu ein langes.“

„Hm, ja, möglich. Ich denke, wir sollten noch mal in Los Angeles anrufen. Cele wird sie finden und nach ihr sehen können.“

Toni schüttelt matt den Kopf. „Wird er nicht. Wenn er etwas Ähnliches von ihr spürt wie ich, wird er sie nicht finden.“

„Auf einen Versuch käme es an, oder?“ Vito lässt nicht locker und fängt den wütenden Blick seines Bruders auf.

„Willst du ihn quälen?! Du hast Sean doch gehört, Robert ist fast Amok gelaufen! Wenn er sie finden könnte, wäre er längst bei ihr, auch wenn sie damals tausendmal von ihm abgehauen ist!“ Ein Husten unterbricht Tonis aufbrausenden Kommentar.

Vitos Schultern sinken herab. „Du hast recht. Tut mir leid, ich weiß nur auch nicht weiter … Ich versuche es noch mal bei Colin. Irgendwann wird er ja wohl nach seinem Handy sehen.“
* * *


Colin wacht auf und sieht neben sich. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht. Yvonne schläft noch tief und fest.

Nach der Nacht wohl auch kein Wunder!, denkt er kopfschüttelnd.

Er steht auf, geht kurz ins Bad und macht danach Frühstück.

Während er die Brötchen in den Ofen schiebt, betritt eine sich verschlafen reckende Yvonne in einem seiner T-Shirts den Raum.

„Guten Morgen“, murmelt sie und will an ihm vorbei zur Kaffeemaschine schleichen. Er hält sie fest und zieht sie an sich.

„Wegezoll!“, verkündet er und küsst sie.

Sie kichert und schlingt ihre Arme um seinen Hals.

„Aber jetzt brauche ich ein Handtuch, eine Zahnbürste und vor allem Kaffee!“, erklärt sie, als sie sich von ihm losmacht.

Er lacht. „Sieht das hier nach nem Supermarkt aus?“, fragt er spöttisch und erntet einen kleinen Rempler.

„Also es würde mich sehr wundern, wenn Mister Ordnungswahn nicht irgendwo eine Zahnbürste für mich herumliegen hätte.“

„Schon gut! Ich habe letzte Woche tatsächlich neue Zahnbürsten gekauft und Handtücher sind in dem Regal im Bad.“

„Ach stimmt ja, du hast ne Badewanne … würde es dir was ausmachen, wenn ich ein Bad nehme?“

Er grinst und ist stark versucht, ihr ein deutlich unmoralisches Angebot zu machen. Er überlegt es sich noch einmal anders. Aufgeschoben ist schließlich nicht aufgehoben. „Ich bringe dir den Kaffee dann gleich dahin.“

Sie streckt sich noch einmal und küsst seine Wange. „Danke, du bist ein Engel!“

„Nicht ganz.“ Colin sieht ihr kopfschüttelnd nach und denkt daran, dass er wohl eher das Gegenteil ist.

Seit ganzen vier Wochen, zumindest so ungefähr, weiß er, durch einen Verplapperer seiner Zwillingsschwester, dass seine Eltern nicht seine biologischen Eltern sein können und seine verhassten, unnatürlichen Talente einen tatsächlichen Grund haben: Colin ist ein Dämon.

Auch wenn das für ihn keinen nennenswerten Unterschied macht, ist Yvonnes Anrede doch ein wenig befremdlich.

Ich muss echt mein Handy suchen, denkt er und will sich schon auf den Weg durch die Wohnung machen, als die Eieruhr ihm fröhlich plärrend verkündet, dass die Frühstückseier fertig sind. Nachdem er sich darum gekümmert hat, füllt er einen Becher Kaffee für Yvonne und ruft: „Milch und ein Süßstoff?“

„Ja, genau, danke!“

Er lächelt und macht sich mit dem Becher auf den Weg ins Bad. Die Brötchen brauchen noch fünf Minuten.

Als er das Bad betritt, liegt Yvonne bereits in einem Schaumberg und lächelt ihn strahlend an, während sie die Hände nach dem Becher ausstreckt.

Ihre Brüste, die perfekt in Colins Hände passen, heben sich dabei aus dem Schaum und er spürt mit einer gewissen Vorfreude, wie seine Lenden sich zu regen beginnen.

Er reicht ihr den Becher, küsst ihre Stirn und wendet sich um.

„Ich würde wirklich gern bleiben und dir Gesellschaft leisten, aber die Brötchen müssen erst aus dem Ofen.“

„War das ein Versprechen oder eine Drohung?“, erkundigt sie sich und lässt ihren Blick an ihm hinab wandern.

Colin braucht ihrem Blick nicht zu folgen, um zu wissen, dass seine Erregung sich deutlich in seinen Shorts abzeichnet.

„Das verrate ich dir, wenn ich wieder hier bin.“
* * *


„Mann, es wäre echt toll, wenn du mal ans Telefon gehen könntest!“, faucht Vito in den Hörer, obwohl nur das monotone ‚der Teilnehmer ist zur Zeit nicht erreichbar‘ daraus zu hören ist.

Das darf alles nicht wahr sein! Wenn er Colin nicht bald ans Telefon kriegt, wird er schlicht durchdrehen, ebenso wie Toni es schon seit mehr als einem Tag tut.

Es ist mitten in der Nacht, Montag früh um vier, um genau zu sein. Aber Vito kann nicht schlafen. Nicht, solange er Colin nicht erreicht und zu Teras geschickt hat.

Wahlwiederholung, diesmal Festnetz.

Das Telefon klingelt endlos, aber niemand hebt ab.

Frustriert drückt Vito auf den roten Hörer und ruft wieder auf Colins Handy an.

Unglaublich! Endlich nicht mehr die dusselige Ansage, endlich ein Rufton!

„Ja?“

„Colin?! Du musst sofort nach Wolfsburg fahren!“

„Was muss ich? Und nebenbei: Wer ist da?“, dringt es aus dem Handy in Vitos Hand.

„Verdammt, seit zwei Tagen versuchen wir, dich zu erreichen! Steig in deinen Wagen und fahr nach Wolfsburg, den Rest erkläre ich dir dann!“

Schweigen in der Leitung, ein Rascheln, ein Murmeln, dann ein Seufzen.

„Ich hab zwar immer noch keine Ahnung, mit wem ich spreche, aber ich stehe grad auf. Sonst noch Wünsche?“

Vito muss sich sehr beherrschen, um einigermaßen ruhig zu bleiben.

Das ist doch unfassbar!

„Hier ist Vito, verdammt! Und jetzt beweg deinen Hintern nach Wolfsburg!“

„Vito?!“ Colin klingt ungläubig. „Vittorio Kane?“

„Ja! Nun mach schon, sitzt du im Wagen?“

„Alter, ich versuche noch, wach zu werden!“, beschwert Colin sich murrend.

„Oh, dabei kann ich behilflich sein: Samstagnacht hat ein Scheißkerl deine Schwester vergewaltigt und …“

„Ich bin unterwegs“, ist alles, was Colin gepresst hervorbringt. „Ich melde mich, sobald ich auf der Bahn bin.“

Klick. Aufgelegt.

Vito atmet erleichtert durch. Ein dicker Kloß in seinem Hals beginnt endlich damit, sich zu lösen. Er überlegt, ob er versuchen soll, Toni zu wecken, um ihm zu sagen, dass Colin endlich nach Teras sehen wird, aber er lässt es.

Das Schlafmittel, das er seinem Bruder geben musste, damit er nicht in einem seiner panischen Erstickungsanfälle stirbt, ist zu stark.

Es muss reichen, ihm alles zu sagen, wenn er von allein aufwacht.

Mit gegen die Rückenlehne des Sessels gelegtem Kopf und seinem Handy in der Hand wartet er auf Colins Rückruf.
* * *


„Tut mir leid, Honey, ich muss weg!“, erklärt Colin der verschlafenen Yvonne, während er sich hastig eine Hose und ein Hemd aus dem Schrank kramt und hineinspringt, Socken braucht er nicht, aber Schuhe!

Weiter in den Flur, Schuhschrank.

Hüpfend zieht er sich die Sneakers an und nimmt danach den Autoschlüssel aus dem Schlüsselkasten neben der Tür.

„Was ist passiert?“

„Meine Schwester! Ich muss sofort weg!“

„Ja, aber, was ist denn los?“

„Sie wurde vergewaltigt!“

Yvonne starrt ihn erschrocken an. „Ich verstehe. Fahr vorsichtig, wenns irgendwie geht, okay, Engel? Ich hoffe, du kannst ihr helfen!“

Colin nickt knapp und zwingt sich zu einem schrecklich verrutschten Lächeln.

„Danke, Honey. Ich melde mich, okay?“

Sie nickt und bevor er noch mehr Zeit verliert, stürzt er aus der Tür und die Treppen hinab.

Von saftigen Flüchen begleitet startet er den Wagen und rast in Richtung Autobahn. Sobald er die Auffahrt hinter sich gelassen hat, wählt er Vitos Handynummer an.

„So, ich bin unterwegs. Jetzt noch mal von vorn“, verlangt er.

„Sie war Samstagnacht aus. In irgendeiner Disko, jedenfalls schrieb sie hinterher noch kurz mit Toni, dann war ne Weile Ruhe und die nächste Nachricht war nicht mehr von ihr … Der Typ muss sie auf dem Nachhauseweg erwischt haben, jedenfalls … er hat … während er sie …“ Vito schluckt hörbar, „… er hat uns geschrieben, was er mit ihr macht …“

„Der Scheißkerl hat mit euch getextet?!“, entfährt es Colin. Unglaublich, was für kranke Schweine rennen eigentlich auf dieser Welt herum?

„Eine ganze Menge, viel zu viele, wenn du mich fragst“, bestätigt Vito und Colin bemerkt, dass er laut gedacht hat.

„Hm. Gibt’s noch mehr?“

„Ja, sie war Sonntag dann irgendwann zu Hause, zumindest denke ich das, jedenfalls schrieb sie Toni, dass sie okay wäre und er sich keine Sorgen machen solle.“

Colin schnaubt auf. Typisch Teras!

„Und sie schrieb, wenn Toni ihr helfen wolle, solle er vorbeikommen und ihr eine Kugel in den Kopf jagen …“

In Colin krampft sich alles zusammen. Sein Magen wird zu einem eiskalten Klumpen mit der Masse eines schwarzen Lochs. Zumindest kommt es ihm so vor. Er braucht ein paar Augenblicke, bevor er wieder sprechen kann.

„Das … Sie besitzt keine Waffen, also hat sie selbst wohl nichts in der Richtung getan, glaube ich …“

Colin lauscht in sich und spürt der Seele seiner Schwester nach. Ein leichtes Echo davon kann er wahrnehmen. Im Stillen verflucht er sich dafür, dass er seine Seelenwacht so gut wie nie benutzt. Sonst hätte er doch viel eher gemerkt, dass etwas nicht stimmt!

„Das wäre auch besser so. Ich war nachts noch in Wolfsburg, aber diese verdammte Stadt ist einfach zu groß. Ich konnte sie nicht finden, zumal ich ja keine Ahnung hatte, wo ich suchen sollte.“

Colin schluckt. „Sie hat Toni nie ihre Adresse verraten? Das wundert mich!“

„Das … liegt wohl an mir …“, beginnt Vito und klingt nach einem wahnsinnig schlechten Gewissen. „Vielleicht hätte ich nicht immer so … abweisend sein sollen …“

Colin lacht auf, es klingt hysterisch, schrecklich.

„Du kannst meine Schwester von nichts abhalten. Sie ist ein Sturkopf. Wenn sie es gewollt hätte, hätte sie Toni die Adresse gesagt! Vielleicht ist sie nur nicht mehr dazu gekommen.“

„Hm, jedenfalls … es tut mir leid, dass ich sie nicht finden konnte. Denk bitte nicht, ich hätte es nicht versucht.“

„Du hast Toni allein gelassen, um nach ihr zu sehen, das rechne ich dir hoch an. Hat dich ziemliche Überwindung gekostet, was?“

„Ja“, gibt Vito zu. „Er ist alles, was ich noch habe …“

„Du könntest eine verdammt gute Freundin haben, weißt du?“

„Ja, ich weiß, aber sie ist nun mal …

„… weiblich, ja. Unbestreitbar“, sagt Colin. „Pass auf, Vito, es ist okay. Niemand macht dir Vorwürfe, klar?“

Die mache ich mir, mir allein!, denkt Colin in einer verzweifelten Mischung von Wut, Hilflosigkeit und Angst.

Vito schweigt noch einen Moment. Dann sagt er nach einem hörbaren Einatmen: „Wieso habe ich eigentlich so lange gebraucht, um dich zu erreichen?“

Bingo, diesen Vorwurf kann ich grad echt brauchen!, denkt Colin und seufzt.

„Ich hatte Besuch und war … ziemlich beschäftigt … Hab wenig Schlaf gekriegt, wenn du verstehst …“

„Tze!“

„Na hör mal, konnte doch keiner ahnen, dass so was passiert! Ich hab wohl auch ein Recht auf ein Privatleben.“

„Und was sagt deine Freundin dazu, dass du quasi aus dem Bett heraus nach Wolfsburg gefahren bist?“

„Sie ist nicht … Hör zu, Vito, ich habe keine feste Freundin. Ich bevorzuge Spaß.“

Noch ein Schnauben aus der Leitung. Aber immerhin lenkt dieses Thema Colin von den Schuldgefühlen ab. Zumindest kurzfristig.

„Also hattest du die Telefone abgeschaltet?“

„Nein, das Festnetz hat derzeit manchmal Macken, es klingelt nicht, obwohl wer anruft. Und mein Handy … erst hatte ich es verloren, dann war es leer. Irgendwann heute Nacht hab ich es im Halbschlaf gefunden, angeschaltet und aufgeladen. Kurz bevor dein Anruf ankam …“

„Wenn’s schief geht, dann richtig“, befindet Vito mit trauriger Stimme.

„Ja, sieht ganz so aus. Ich spüre sie noch, irgendwas ist da, ein Echo ihrer Seele. Ich werde wohl ein paar saftige Knöllchen sammeln während dieser Fahrt …“

„Hey, es wäre schon ganz gut, wenn du dir auf dem Weg zu ihr nicht die Nase abfährst!“

Colin lacht hart auf. „Ob du es mir glaubst oder nicht, meine Reflexe sind sehr gut. Ich werde an einem Stück bei ihr ankommen, keine Sorge.“

„Dein Wort in wessen Ohr auch immer.“

„Vito, ich meine das ernst, wenn mein Wagen mehr hergäbe als 250 Sachen, würde ich sie sorglos fahren, kapiert?“

Vito brummt irgendetwas Unverständliches. Colin hört nur ‚Angeber‘ und ‚Selbstüberschätzung‘ heraus und muss grinsen.

„Darüber reden wir irgendwann mal, okay? Lenk mich lieber davon ab, an meinen Schuldgefühlen zu ersticken!“

„Hm, na gut. Du hast also keine feste Freundin? Wieso nicht?“

„Ich mag Abwechslung … oder besser: Ich will nichts Festes. Bringt doch alles nur Ärger. Ich hab meine Wohnung für mich allein, keiner meckert, wann ich komme und gehe, keiner räumt meinen Kram um, keiner hinterlässt Chaos …“

Vito kichert. „Klingt ganz so, als hätte das Singledasein unbestreitbare Vorteile.“

„Hat es! Was sagt denn deine Freundin, dass du dauernd bei Toni rumhängst?“

Colin merkt, dass Vitos Stimmung sich wandelt und er einen Moment braucht, um sich zu fangen.

„Ich habe keine.“

„Ah, dann kennst du doch die Vorteile. Und jetzt behaupte nicht, dass du dir nicht ab und zu Spaß gönnst!“

„Doch, genau das behaupte ich. Also, seitdem ich bei Toni bin.“

„Wow! Aber vorher hattest du schon mal was für zwischendurch, oder?“

„Ja, sicher. Bin doch kein Mönch.“

„Das beruhigt mich wirklich! Dann liegt deine miese Laune wenigstens nicht an chronischer Abstinenz.“

Vito lacht auf. „Nein, ganz sicher nicht. Ich … kann nicht abschalten, seitdem ich hier bin.“

„Verstehe ich. Das wird sicher auch wieder besser, wenn es Toni wieder gut geht.“

„Hoffentlich.“

Sie sprechen noch einige Zeit, dann fährt Colin auf die A39 ab und macht sich an den Endspurt nach Wolfsburg.

„Ich bin fast da. Ich melde mich, wenn ich sie habe, okay?“

„Ja, alles klar. Ich schau mal, ob Toni wieder wach ist. Und danke!“
* * *


Colin hat Schwierigkeiten, seine Hände ruhig genug zu halten, um den verfluchten Schlüssel endlich ins Schloss zu stecken.

„Teras?!“, brüllt er schon an der Wohnungstür mit zittriger Stimme. „Wo bist du?“

Im Schlafzimmer findet er sie. Mit wenigen, schnellen Schritten ist er bei ihr, zieht sie an sich und hält sie fest. Schlaff lehnt seine Schwester an seiner Brust, starrt ins Nichts und begreift offenbar nicht einmal, dass er da ist.

„Was haben sie dir nur angetan?“, murmelt er und wiegt sie wie ein Kleinkind auf seinem Schoß. „Vito und Toni haben mich angerufen, nachdem sie von Sean meine Nummer bekommen haben. Toni denkt, du bist tot, Süße! Seit zwei Tagen versucht er, dich zu erreichen!“, sprudelt es aus ihm hervor.

Dann kramt er mit einiger Mühe sein Handy aus der Jackentasche und wählt Tonis Nummer an.

„Colin hier. Ich bin jetzt bei ihr.“

„Lebt sie?!“, dringt Tonis panische Stimme aus dem Telefon.

„Ja“, antwortet Colin, obwohl er sich dessen noch nicht ganz sicher ist.

„Gib mir ihre Adresse!“

„Vito hat gesagt, es ist zu gefährlich. Ich bin jetzt bei ihr und passe auf sie auf. Ich melde mich später wieder.“

Er legt auf, bevor Toni etwas erwidern kann, und kümmert sich erst einmal um seine Zwillingsschwester.

Es dauert schier endlos, bis sie vollkommen unvermittelt zu sprechen beginnt. Nichts an ihrer Haltung oder ihrem starren, unmenschlich leeren Blick ändert sich.

„Ich will ihn nicht sehen. Niemals. Er soll mich so nicht sehen“, wispert sie. „Ich bin kaputt, Col. Niemand darf mich sehen.“

„Scht“, macht er und küsst ihre Stirn. „Ich passe auf dich auf und niemand sonst wird dich sehen. In Ordnung? Wann hast du zuletzt etwas gegessen oder getrunken?“

„Samstag!“, haucht sie nach einiger Zeit. „Samstag war ein schöner Tag, ich hatte so viel Spaß! So viel Spaß … Und dann hab ich eine böse SMS an ihn geschickt … Und dann kam die Strafe …“

Ihr Gemurmel lässt ihn die Stirn runzeln. „Wem hast du eine böse SMS geschickt?“

„Toni“, bringt sie mühsam hervor.

„Du hast Toni etwas Gemeines geschrieben? Das kann nicht sein. Er ist vor Angst um dich fast gestorben. Er liebt dich!“

Sie beginnt zu kichern, hysterisch, schrill. Er schließt die Augen und versucht, ihren Schmerz zu teilen. Wie erwartet prallt er gegen die massive Wand, die sie beinahe immer vor ihrer Seele aufgebaut hat. Es tut ihm weh, nicht zu ihr durchdringen zu können, um ihr Leid zu lindern.

„Lass das, Col. Ich hab’s verdient. Ich bin jetzt schmutzig und kaputt und ich hab’s verdient!“, faucht sie unerwartet heftig.

„Rede nicht so einen Unsinn!“, fährt er sie an, mildert dann jedoch seinen Ton, „Teras, was passiert ist, kann man nicht rückgängig machen, aber dein Leben ist deshalb doch nicht vorbei! Du liebst Toni und er liebt dich.“

(c) Nathan Jaeger

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