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Samstag, 22. März 2014

[Gedicht] Erinnerungen, die keine sind

Quietschende Bremsen.
Dumpfer  Aufprall.
Widerliches Geräusch.
Schreie.
Gebrüll.
Ich habe ihn nicht gesehen!
Ruf doch endlich einer die Polizei!

Schweißgebadet aufgewacht.
Erlebt, was ich nicht erlebt habe.
Ich war nicht bei dir, als es geschah.
Ich war woanders.
Und doch.
Jede Nacht holt sie mich ein.
Die Erinnerung, die keine ist.
Mein Hirn baut alles zusammen.
Immer wieder.

Geräusche, Bilder.

Ich sehe, wie du an der Fußgängerampel wartest.
Deinen alten Rucksack auf der Schulter.
Dabei habe ich dir zu Weihnachten eine neue, sehr schicke Umhängetasche geschenkt …
Ein sanftes Lächeln verzieht mein Gesicht.
Wandelt es von liebevoller Erinnerung in blankes Entsetzen.
Die Ampel wird grün.
Ich sehe, wie du losgehst.
Ich sehe, wie der Benz mit dem roten Lack auf dich zu rast.
Ich sehe, wie er dich erfasst.
Davonschleudert.
Ich sehe die Überraschung in deinem schönen Gesicht.
Sie vergeht, nichts bleibt übrig.
Du landest mitten auf dem nasskalten Asphalt.

Schweißgebadet aufgewacht.
Erlebt, was ich nicht erlebt habe.
Ich war nicht bei dir, als es geschah.
Ich war woanders.
Und doch.
Jede Nacht holt sie mich ein.
Die Erinnerung, die keine ist.
Mein Hirn baut alles zusammen.
Immer wieder.

Nacht für Nacht.
Kein Alptraum.
Bittere Realität.
Totes Leben.
Lebender Tod.

Nichts davon.
Und doch alles.

© 20.2.2014

[Gedicht] Starre

Geflogen - mit dir, endlos hoch, endlos weit.
Abgestürzt - vor langer Zeit.
Liegengeblieben - für eine Ewigkeit.

Das Atmen verlernt.

Die Seele eingefroren.
Die Augen verschlossen.
Die Stimme verloren.
Die Haut betäubt.
Die Nase verschlossen.

Starr, dunkel, lautlos, taub, eingesperrt.


Die Ohren geschärft.

Das Denken perfektioniert.

Erinnerungen werden zur Gegenwart,
suchen heim, zwingen in eine Endlosschleife der Sehnsucht.


Sehnsüchte werden zu Träumen,
begleiten, bewachen und behüten, was war,
erhalten, was nie wieder sein wird.

Du bist nicht hier. 
Du wirst nie wieder hier sein.

Aber du bist hier. In mir.
Hast mich allein gelassen, doch nie verlassen.

Eingeschlossen und aufgehoben, für alle Zeit behütet.

Der Aufprall, so hart, wiederkehrender Schmerz. 

Letzte Minuten, Sekunden vor dem freien Fall.

Bodenlos.

Sinfonie des Schmerzes, lautlos und stumm. 
Kein Schrei, keine Träne.

Geflogen - mit dir, endlos hoch, endlos weit.
Abgestürzt - vor langer Zeit.
Liegengeblieben - für eine Ewigkeit.


Geräusche kommen näher, 
dringen in die Träume, fordern Aufmerksamkeit.

Augen geöffnet, Worte gelesen.
Dahintergeblickt.
Zwischen den Zeilen, genauer hingesehen.

Gewartet, lange Zeit. 
Augen und Ohren ersetzen das Herz.

Worte kitten, was einmal zerbrach.
Lachen heilt, was noch immer blutet.

Worte. Nichts als Worte.
Geschrieben, gedacht, gefühlt.

Verdrängt, vergessen, verhasst.

Worte. Nichts als Worte.
Buchstaben, Laute. Gemalt, getippt.

Gelesen.

Alles gelesen.

So tief geblickt. So weit gesehen.

Dankbar.

Einmal noch gesehen, was sein kann.

Einmal noch gehört, was sein kann.

Zu viel gesehen. Zu viel gehört.

Zu wenig erlebt, zu wenig gelebt.

Augen geschlossen, Ohren betäubt.

Geflogen - mit dir, endlos hoch, endlos weit.
Abgestürzt - vor langer Zeit.
Aufgetaut - für Augenblicke.
Liegenbleiben - für alle Ewigkeit.

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(c) 3.11.2013