Dienstag, 12. Februar 2013

[Rezension] Kirschroter Sommer

Hallo zusammen,

ich habe letztes Wochenende Carina Bartschs Romane gelesen, und obwohl sie die gleichen Protagonisten und eine fortlaufende Story  haben, werde ich zwei getrennte Rezis dazu schreiben.
Beide Bände sind sehr unterschiedlich und hier geht es nun um Kirschroter Sommer.

Zuerst einmal: Frau Bartsch hat mit ihrem Text absolut und sehr zielsicher meinen Humor-Nerv getroffen. Und das ist nicht so einfach, wie manche vielleicht denken.
(C) http://carinabartsch.de/kirschrot




Technische Daten

Form: Kindle-Ebook, TB
Seitenzahl: Ebook 394, TB 512
Verlag: Ebook Schandtaten Verlag, TB rororo
Genre: angegeben als Frauenroman, mir selbst kommt es wie Coming of Age vor

Cover
Gefällt mir sehr gut, die Zweiteilung spiegelt sich im Buch wider, Farbwahl und kleine Effekte wie Elyas' Augen finde ich sehr gelungen.

Handlung
Die Icherzählerin Emely studiert Literaturwissenschaften in Berlin und freut sich tierisch, dass ihre beste Freundin Alex nach einem privaten Desaster in München nun auch in Berlin studieren wird. Der Nachteil: Alex zieht zu ihrem älteren Bruder Elyas, an den Emely nur die allerschlimmsten Erinnerungen zu haben scheint. 
Die ersten Wortgefechte beruhen darauf, dass Emely Elyas für einen miesen Aufreißer hält, der hinter ihren Namen mit einem Haken setzen will. Ein Fremder namens Luca meldet sich per Email bei ihr und sie beginnt, mit ihm zu schreiben, ohne zu wissen, wie der mysteriöse Luca aussieht. 

Charaktere
Emely: (Über die Schreibweise dieses namens bin ich während beider Bände an einer Tour gestolpert, auch wenn es diese Schreibweise tatsächlich zu geben scheint.) Icherzählerin, sehr prüde, sehr wortgewaltig, 23 Jahre alt, benimmt sich aber manchmal (besonders in Bezug auf Sex) unglaublich unreflektiert und kindisch. Im ersten Teil jedoch noch nicht so ausgeprägt.
Elyas: 24 Jahre alt, wirkt zu Beginn sehr oberflächlich, was jedoch an der Erzählsicht zu liegen scheint, zumindest kam es mir so vor. Ich konnte und wollte ihm nicht die volle böse Absicht unterstellen wie Emely es fortlaufend tat.
Alex: 23, hibbelig, nervtötend, liebenswert, in sachen "er hat mich nicht geküsst" unglaublich albern und kindisch. Ich glaube, das schaffen nicht mal 15-jährige Protagonisten sonst.
Sebastian: 24, Psychologiestudent, sehr liebenswert, reflektiert, erwachsen, angenehm. Einer meiner liebsten Charktere beim Lesen, weil er sowohl albern als auch abgeklärt sein konnte und ich bei ihm als Einzigem das gesunde Mittelmaß zwischen kindisch und erwachsen finden konnte.
Luca: Der Emailfreund, er wirkt (wohl auch durch Emelys subjektive Sicht) sehr nett und lieb, sehr offen und irgendwie auch liebenswert. Allerdings wusste ich schon nach dem Lesen des Klappentextes, dass er ein Alter Ego eines anderen Protagonisten ist.
Eltern und Emelys Mitbewohnerin kommen relativ normal und irgendwie liebenswert charmant rüber.

Sprache
Oh ja, mein Lieblingspunkt in dieser Rezi -.-
Einerseits finde ich den Stil und die Ausdrucksweise der Protagonisten einfach nur saucool und habe mich beim lesen sehr gut aufgenommen gefühlt in der durchwegs normalen, nicht überkandidelten Sprache. Andererseits musste ich an ziemlich vielen Stellen heftigst schlucken, weil es im text, trotz angegebener 4 Lektoren, zu unglaublichen Stilblüten gekommen ist. Zudem häuften sich mancherorts die Grammatik- Rechtschreib- und Zeichensetzungsfehler, während als I-Tüpfelchen noch Zeitfehler ihren Auftritt hatten.
Ich hasse es manchmal wirklich, über solche Dinge nicht einfach hinweglesen zu können, aber eine Autorenkollegin nannte es "den nachteil der Profession" und damit hatte sie vermutlich recht.
Ich beurteile in diesem Unterpunkt explizit das Ebook, weil ich HOFFE, dass rororo so viel Verantwortungsbewusstsein seinen Lesern gegenüber aufgebracht hat, den Text gründlich zu redigieren. (Ich hege jedoch den Verdacht, dass der fehlerbehaftete Text exakt so übernommen und gedruckt wurde.)

Struktur
Chronologisch nachvollziehbar und in sich stimmig baut sich der Handlungsstrang auf, der aus Sicht von Emely natürlich immer SEHR subjektiv daherkommt. Die zahlreichen Innenansichten, die zu Anfang noch liebenswert und auch witzig erscheinen, werden mit zunehmendem Auftreten (auch mitten in Dialogen, die dadurch regelrecht zerstückelt werden) leider redundant und langweilig. Gebetsmühlenartige Wiederholung von inneren Monologen, die immer und immer wieder nur zeigen, was für ein Blödmann Elyas doch sein muss, haben mich zwischenzeitlich tatsächlich dazu gebracht, einfach weiterzublättern, bis wieder "was Spannendes" kam.


Zusammenfassung (meine Meinung insgesamt)
Also alles in allem hat mir besonders die Grundidee und die Liebesgeschichte voller Verwicklungen gefallen. Natürlich waren die bissigen, witzigen Erwiderungen von Emely immer wieder einen Schenkelklopfer wert und ich hab laut losgelacht, als sie in der Disko ... (nein, selbst lesen ;))
Aber: der Humor allein konnte nicht über alle, teilweise noch recht deutlichen Schwächen im Handwerk der Autorin hinwegtäuschen. Schade!
Was mir am meisten gefehlt hat, waren - bei all meiner Vorliebe für sehr langsame Anbahnungen von Liebesaffären - eine gewisse Zielgerichtetheit, Spannungsaufbau und vor allen Dingen ein straffes Lektorat der Längen im Text, das die ständigen Redundanzen herausnehmen hätte können. Ich bin also der Meinung, dass dieses Buch ein richtig gutes hätte werden können, aber an den genanten Punkten schlichtweg scheitern musste. (Zumindest für mich, andere Leser scheinen das lockerer sehen zu können.)
Die Einordnung des Buches als klassischen Liebesroman oder gar als "Frechen Frauenroman" teile ich absolut nicht, denn die vorliegende Geschichte erfüllt die entsprechenden Voraussetzungen, wenn überhaupt, nur bedingt. Ich sehe es tatsächlich als Coming of Age an, was ich jedoch, das MUSS ich einfach noch mal betonen, zu keinem Zeitpunkt an der Sprechweise der Protagonisten festmachen will.
Ebendiese hat für mich einen der ganz großen Pluspunkte während des Lesens ausgemacht.

So, den zweiten Teil bespreche ich auf andere Art und an einem anderen Tag, ein erstes Fazit habe ich aber schon:

Wen es nicht stört, dass die Protagonistin immer wieder in sich wiederholenden inneren Monologen vor sich hin plappert, dass nur an einer Stelle einmal so etwas wie relative Spannung aufkommt (Unfall), dass allein durch die vorhandenen Längen ein zweiter band für den Rest der Handlung nötig geworden scheint, dem kann ich das Buch wirklich empfehlen.
Das Gleiche gilt für alle, die Wortgefechte - intelligent und auch flach - Spitzen, harsche Erwiderungen und einen ganz besonders ironischen Humor so sehr mögen wie ich!

:)

In diesem Sinne

Nat