Samstag, 22. März 2014

[Gedicht] Seele - Drache

G. gewidmet.

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Dumpfes Grollen aus tiefer Kehle.
Bleiche Fänge in großem Kiefer.
Nadelspitze Messer in tödlicher Reihe.

Scharfe Blicke aus wissenden Augen.
Grüne Iriden um eiskalte Pupillen.
Grelle Blitze in fremde Seelen.

Dicke Schuppen auf fester Haut.
Harte Panzer als starker Schild.
Stabile Abwehr, undurchdringlich.

Große Pranken mit langen Krallen.
Geschliffene Dolche in furchterregender Zahl.
Gnadenlose Kraft in wilden Sprüngen.

Ledrige Schwingen senden Sturmwind.
Wirbelnde Flügel in kalter Nachtluft.
Kräftige Schläge gegen jeden Feind.

*

Er steht auf allen vieren
den Kopf hoch erhoben
am Gipfel der Klippe.

Sein Gebrüll durchdringt
mit unnachgiebiger Stärke
Luft, Fels und Boden.

Sie sind da, wurden geweckt.
Scharen geflügelter Wesen,
verfolgen, jagen, suchen.

Nachtschatten, Alptraum, Dämonen,
er nimmt ihre Fährte auf.
Jagdinstinkt geweckt.

Ein einzelner Flügelschlag
erhebt ihn in die Lüfte.
Lautlos stößt er auf seine Beute herab.

Sein Schlund öffnet sich,
entlässt das lodernde Feuer.
Grausame Vernichtung.

Schreie um Erbarmen
ertönen zwecklos
verhallen im Grollen.

Klauen packen
ohne Mitleid,
was dem Feuer entkommen.

Kiefer schnappen aufeinander
brechen Knochen, 
zerreißen Glieder.

Der tosende Sturm seiner Flügel
fegt hinweg, was Klauen und Kiefer
in die Ewigkeit freigeben.

Erster Lichtstrahl am Horizont,
Glitzern auf den Schuppen
Blut der Feinde.

Stille senkt sich über das Land.
Zitternde Seele, zusammengekauert,
klein.

*

Sein Blick ändert sich.
Wird weich, sanft.

Sein mächtiger Körper sinkt zu Boden,
den Kopf auf den Pranken, 
schließt er die Augen.
Bewegungslos liegt er da, 
schrumpft zu seiner wahren Gestalt.
Klein, menschlich,
schutzlos.

Er schläft.
Bis zum Einbruch der Nacht.


© 11.11.2013 Nathan

Direkt dazu gehört:

Leises Wimmern aus enger Kehle.
Klappernde Zähne in zusammengepresstem Kiefer.
Zunge benetzt trockene Lippen.

Hastige Blicke aus ängstlichen Augen.
Braune Iriden mit tiefen Schatten.
Stumme Hilferufe in die Nacht.

Dünnes Hemd auf bleichem Leib.
Weiche Haut ohne Panzer.
Keine Abwehr, kein Schutz.

Zitternde Finger greifen ins Nichts.
Fahriges Tasten nach Halt.
Müde Knochen, keine Kraft.

Verletzte Seele in bebender Brust.
Pochendes Herz im Rippenkäfig.
Eingesperrt, unfrei.

*

Er kniet mutlos,
den Kopf gesenkt
am Boden.

Seine Schreie ersticken
im Wirbel des Sturms,
angefacht von ihnen.

Sie sind da, zerren an ihm.
Undurchdringliche Masse schwarzer Leiber.
Kein Entkommen.

Nachtschatten, Alptraum, Dämonen,
Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft,
Schneiden seine Seele – kleinste Stücke.

Rauschen, angstvoller Blick,
schwarzer Himmel, massiv und groß,
stürzt über ihm ein.

Zusammensinken, immer kleiner werden.
Schreckliche Geräusche.
Der Drache greift an.

Geöffneter Schlund, grelle Flammen,
Wegsehen.
Sterben, bald. Erlösung. Vorbei.

Plötzliche Stille,
legt sich über ihn, hüllt ihn ein.
Wind lässt nach, schweigt.

Ruhe breitet sich
auf der Ebene aus.
Blicke riskieren?

Kopf hebt sich, zaghafte Suche.
Drache direkt vor ihm, 
müde, sanfter Blick.

Zögerliche Bewegung, 
richtet die Seele auf.
Leises Klirren der Seelenscherben.

Sonnenlicht schwappt über
den gigantischen Leib.
Glitzernd, feucht. Blut.

Bist du verletzt?
Stumme Frage, kein Mut, 
sie laut zu stellen.

Der mächtige Körper sinkt zusammen,
den Kopf auf den Pranken abgelegt,
grüne Augen schließen sich.

Bewegungsloses Wesen,
schrumpft zu neuer Gestalt.
Klein, menschlich,
schutzlos.

Zusammengerollt liegt er da,
zitternd.


Die Seele erhebt sich, 
will helfen.

Dem schlafenden Nachtdrachen,
der Alpträume und Dämonen
mit seinem Feuer verbrennt.

Vorsichtiges Streicheln 
über dunkles Haar.

Der Drache schläft.

Bis zum Einbruch der Nacht,
von seiner nicht mehr zitternden Seele bewacht.

(c) 14.11.2013 Nathan