Lesprobe
Status
quo
Ich war knappe 18, als ich Ludwig das erste Mal traf. Genauer
gesagt, traf er mich, nein, um vollkommen und schonungslos ehrlich zu sein: Es
war ein wenig anders ...
Ich arbeitete damals am Wochenende auf der Rennbahn und versorgte
dort die schweineteuren Pferde, die in ihren Boxen auf ihre Starts warteten.
Die meisten Besitzer waren dermaßen pingelig, dass sie nur ihre eigenen
Betreuer, Jockeys und Stallburschen an die Pferde ließen, deshalb gehörte ich
eher zu denen, die dafür zu sorgen hatten, dass das Gelände und die Stallgassen
frei von Pferdeäpfeln blieben. Ich hatte meine Runde gerade beendet und stellte
Schaufel und Besen wieder in eine der Werkzeugnischen, als hinter mir jemand in
den schmalen Gang trat und mich umfasste.
Ich glaube, ich hab damals ziemlich unmännlich aufgeschrien, einfach, weil ich mich erschreckt habe. Ist ja auch nicht unbedingt der Normalfall, dass einem jemand in eine dunkle Nische folgt, wenn draußen die Sonne scheint und die teuersten Pferde Deutschlands über die Rennbahn galoppieren.
Ich versuchte jedenfalls, herumzufahren, aber bevor ich es
schaffte, lag eine Hand auf meinem Schritt und eine andere auf meinem Mund.
Eine tiefe Stimme sagte: „Ich könnte mal deine Hilfe brauchen,
Kleiner. Bringst du Escorial für mich in den LKW?“
Ich nickte, vermutlich, weil ich mich anders gar nicht
artikulieren konnte. Noch dazu erwachte mein Schwanz unter den forschen
Fingern. So hatte mich noch keiner angefasst, nicht ohne meine ausdrückliche
Erlaubnis!
Klar, ich wusste damals schon, dass ich schwul bin, aber es stand
nun wirklich nicht auf meiner Stirn!
Die Hand an meinem Mund verschwand erst, nachdem ich durch ein
weiteres, hastiges Nicken erklärt hatte, nicht zu schreien.
Er lockerte den Griff der anderen Hand nicht, aber ich drehte mich
herum und stolperte rückwärts in die Werkzeuge und damit von ihm weg. Echt
peinlich war das!
Nicht meine Flucht, sondern die Tatsache, dass ich auf eine so
grobe Behandlung reagierte!
Ich schluckte und starrte ihn an. „Escorial?“
Er nickte. Ludwig van Keppelen stand da vor mir. Er hatte mich
einfach so angefasst, und nun wollte er, dass ich sein teuerstes Pferd aus der
Box in den großen Transporter brachte? Na gut, so eine Gelegenheit bot sich
nicht oft. Ich kannte mich gut aus mit Pferden, schon immer, irgendwie. Aber an
diese Juwelen auf vier Hufen kam ich höchstens heran, wenn ich an ihren Boxen
vorbeiging und nach dem Rechten sah.
„Ist ... das alles?“, fragte ich vorsichtig nach und hatte
Mühe, nicht zusammenzuzucken, als er den Kopf bedächtig schüttelte und sich
über die Lippen leckte.
Sein Grinsen war mir unheimlich.
„Natürlich nicht. Du bekommst etwas dafür.“ Er hielt mir einen
giftig-grünen Hunderteuroschein hin und ich blinzelte.
„Hundert Euro, damit ich Ihr Pferd in den Transporter bringe?“
Wieder schüttelte er den Kopf.
„Nein, der hier hat noch neun Freunde. Und sie alle gehören dir,
wenn du Escorial wegbringst und im Transporter auf mich wartest.“ Er griff sich
provokant in den Schritt seiner mit Sicherheit maßgeschneiderten Anzughose und
ließ mich nicht aus den Augen.
Mein Blick huschte hinter seiner Bewegung her und ich brauchte
einen Moment, bevor ich kapierte, dass ich nickte und den Hunderter aus seinen
Fingern nahm.
Klar wusste ich, was er wollte. Kann ich ihm vielleicht auch nicht
verübeln, immerhin sah ich damals schon genauso aus wie heute. Vielleicht etwas
schmaler und kleiner, aber letztlich ...
Ich holte also Escorial aus der Box, führte ihn zum LKW und harrte
der Dinge, die da kommen mochten.
Im Grunde wusste ich ja ziemlich genau, was er wollte. Ich hatte
erst vor ein paar Stunden zwei andere Stallhilfen tuscheln hören, dass van
Keppelen ein schwuler Lustmolch sei.
Ich überlegte, ob ich sein seltsames Angebot nicht doch lieber
ausschlagen sollte. Immerhin hatte ich noch nicht allzu viel Erfahrungen in
Sachen gevögelt werden ...
Ich gebe es zu, ich entschied mich für das Geld und pfiff auf
meine Jungfräulichkeit.
Ich wusste zu genau, wie lange ich für 1000 Euro die Stallgassen
fegen müsste. Es versprach, leicht verdientes Geld zu werden und ... Nun
ja, ich irrte mich.
Er betrat den Transporter nur eine oder zwei Minuten nach mir und
schloss die Seitentür gewissenhaft hinter sich, bevor er sich zu mir
herumdrehte und tat, was er tun wollte.
Es war der erste Fick meines Lebens und davon abgesehen, dass es
höllisch weh tat, weil er nur halbherzig darum bemüht war, mir irgendwas zu
ersparen, bedeutete es mir gar nichts.
Er riss mir die Hosen herab, drückte meinen Kopf nach unten, bis
ich ihm meinen nackten Hintern hinstreckte und er sich nehmen konnte, was er
wollte.
Seine Hand schlang sich grob um meinen Halbsteifen, aber ich kam
nicht. Keine Ahnung, woran es lag. Vielleicht an den Schmerzen, vielleicht
daran, dass er mich einfach nicht antörnte? Er war mir zu alt, zu brutal, zu
wenig aufmerksam.
Als er fertig war, gab er mir einen Klaps auf den blanken Hintern
und sagte: „Gut gemacht, Kleiner. Beim nächsten Mal darfst du ruhig etwas
lauter sein.“
Tja, er zog sich an, warf mir das Geld vor die Füße, während ich
meine Hosen hochzog und versuchte, mir nicht anmerken zu lassen, wie weh mir
mein Arsch tat. Ich nickte wortlos und Ludwig van Keppelen und ich
hatten ... Ja, wie sollte ich das nennen? Er hatte mich gefickt, aber ich
hatte keinen Sex gehabt, nein, ganz sicher nicht.
Ich sammelte die Scheine aus der Einstreu und bemerkte erstaunt,
dass der Schmerz verschwand. Von einem Moment zum nächsten.
Ich habe keine Ahnung, wieso. Aber seitdem ...
Hm, seitdem sind ein paar Jahre vergangen.
Aus gelegentlichen Ficktreffen in Pferdetransportern und Boxen
wurden wöchentliche in Hinterzimmern und Toiletten und irgendwann begriff ich
vollständig, dass Ludwig von mir – oder zumindest meinem kleinen Arsch –
besessen war.
Er lud mich auf sein monströs großes Gestüt ein und neben meinem
Job als seine Hure lernte ich mehr über die Pferdezucht, seinen Betrieb, seine
Lebensweise ... schlicht über ihn.
Und seit sechs Jahren lebe ich selbst hier auf dem Gestüt, bin
seine rechte Hand, habe eine eigene, todschicke Wohnung in einem Nebengebäude,
fahre immer den neuesten Sportwagen, habe die besten Freizeitpferde für
Ausritte, die schicksten Designerklamotten, und spiele den braven, züchtigen
Schützling des großen, erfolgreichen van Keppelen, wann immer er
gesellschaftliche Verpflichtungen hat.
~*~
Ich bin jetzt 26 und hatte noch nie im Leben passiven Sex, bei dem
ich irgendetwas gespürt hätte. An jenem Tag, beim Einsammeln der hübschen,
giftgrünen Geldscheine habe ich damit begonnen, meinen Hintern zu negieren.
So ähnlich zumindest nennt man es. Ist eine psychische
Schockreaktion oder so. Jedenfalls hab ich noch nie im Leben einen Schwanz in
mir gehabt, der mich stimuliert, den ich auch nur gespürt hätte. Keine Lust,
keinen Schmerz. Mein Arsch ist tot.
Stört mich nicht wirklich, denn ich kenne mittlerweile den großen
Hauptgewinn, den mir diese Negation bescheren wird: Ich bin ganz offiziell
Ludwigs Erbe. Der Alleinerbe, übrigens.
Das Gut, auf dessen Hof ich jetzt stehe, wird eines Tages mir
gehören. Ich spüre, wie mein Mund sich zu einem Lächeln verzieht.
Das ist es wert. Immer.
Nebenbei bedeutet es nicht, dass ich keinen echten Spaß hätte. Den
hole ich mir auf andere Art. Ludwig lässt mir genug Freiraum, um hin und wieder
in diversen Clubs ein paar Kerle flachzulegen. Darin bin ich gut. Gab bisher
jedenfalls keinen, der sich beschwert hätte, nachdem ich ihn gefickt hab.
„Kim, komm mal rüber!“
Ich fahre herum, oben auf der Freitreppe zum Gutshaus steht
Ludwig, den ich nur ‚Lu‘ nenne, und winkt mich zu sich. Am Fuß der Treppe
bleibe ich stehen, er kommt mir entgegen.
„Was ist los?“, erkundige ich mich.
„Heute Abend kommen die Wienerts, nimm dir also nichts vor.“
Ich nicke. Klar, wenn er Besuch hat, bin ich als seine rechte Hand
zu Anwesenheit verpflichtet. Verstehe ich auch vollkommen, immerhin soll ich
diesen ganzen Kram eines Tages weiterführen. Und da ich durchaus weiß, wie man
sich in Gesellschaft benimmt, machen mir solche Abendessen in aller Regel Spaß.
Ich grinse. „Geht klar. Kommen alle?“
Lu nickt. „Sie bringt beide Sprösslinge und den Verlobten ihrer
Tochter mit.“
„Acht Uhr?“
„Genau. Aber vorher sollten wir noch was anderes besprechen“,
erklärt er und nickt ins Gutshaus.
Ich folge ihm hinein, nur wenig später stehe ich vor seinem
riesigen Schreibtisch im Arbeitszimmer. Ich sehe aus dem Fenster auf den Hof,
während er sich in dem Sessel jenseits des Möbels niederlässt.
„Wie läuft es mit den Bewerbungen?“, fragt er und ich sehe über
die Schulter. Er interessiert sich nie dafür, wer sich beworben hat, um die
Semesterferien auf dem Hof zu verbringen. Die lästige Auswahl hat er schon vor
Jahren an mich übertragen. Ich bin für sämtliche Personalfragen zuständig, weil
Lu der Meinung ist, dass er sich lange genug mit Bewerbungsmappen und
Vorstellungsgesprächen herumgeärgert hat.
Wieso er aber jetzt danach fragt, ist mir ein Rätsel!
„Gut.“ Immerhin habe ich das Theater seit Wochen hinter mir.
Montag kommen sie doch schon an!
„Aha.“ Der ungläubige Unterton irritiert mich etwas, ich gehe auf
ihn zu, setze mich ihm gegenüber hin.
„Was meinst du?“, will ich wissen. Ich habe für die übermorgen
beginnenden Semesterferien ganze drei neue Ferienjobber mit langjähriger
Erfahrung organisiert, und alle anderen Jobs sind an feste Kräfte vergeben. Ich
erinnere mich voller Grauen an die letzten Bewerbungsrunden für den Posten des
neuen technischen Assistenten für das Labor.
„Die Ferienjobber, natürlich. Hast du alles geregelt?“
Ich nicke. „Sicher. Die drei Namen habe ich dir auch gemailt.“
Lu schnaubt und öffnet eine Schublade, aus der er eine blaue
Bewerbungsmappe nimmt und über den Tisch auf mich zuwirft.
„Wieso habe ich diese Bewerbung in deinem Papierkorb gefunden?“
Oha, seit wann interessiert ihn so was denn? Ich runzele die Stirn
und klappe die Mappe auf. Das Bild, das mir prompt von links entgegenlächelt,
lässt mich schlucken.
„Weil ich drei Bessere gefunden habe.“ Ich erkenne das Foto
sofort. Maik Fallner, gutaussehend, Student der Tiermedizin, mit Pferden
aufgewachsen, guter Reiter ...
„So“, macht Lu und ich sehe ihn an.
„Was willst du denn hören? Du hast mir die Auswahl der Mitarbeiter
überlassen. Wieso soll ich jetzt Rechenschaft ablegen?“ Kein ungewöhnlicher Ton
zwischen uns. Nur weil ich ihm den Arsch hinhalte, bin ich weder blöd noch
unselbständig!
„Ich will ihn, hier auf dem Hof.“
„Und wieso? Wir brauchen keinen vierten zusätzlichen Helfer. Im
Grunde hätten wir nicht einmal die drei gebraucht! Der Urlaubsplan steht und
wir bräuchten höchstens eine
Vertretung für die jeweils ausfallenden Kräfte.“
Er nickt und schürzt die Lippen. „Ich weiß, aber wir wollen ja an
den Traditionen festhalten: Jeden Sommer drei Ferienjobber aus der Pferdebranche.
Junge Menschen müssen gefördert werden.“
Wie wahr! Das muss ich Lu lassen, er ist kein schlechter Mensch.
Ein knallharter Geschäftsmann, wenn es um die Rennpferde geht, um Verhandlungen
für Futtereinkäufe und um die Decktaxen für seine Hengste. Aber in Sachen
Nachwuchs und Menschlichkeit überrascht er mich immer wieder.
Dennoch ist all das seit Jahren mein Kompetenzbereich –
immerhin bin ich der Gestütsleiter.
Das Budget für die Pflege der Leih- und Zuchtstuten ist einer der
höchsten Posten auf der Ausgabenliste des Gestüts. Und dazu gehört für ihn eben
auch, angehenden Pferdewirten, Tiermedizinern und allen, die über eine gute
reiterische Grundausbildung verfügen, Einblicke auf seinen Monsterhof zu
gewähren.
Seltsam? Vielleicht, aber Lu sieht es als hohes Ziel an, das
Wissen und die hier vorherrschenden Sitten an den Nachwuchs weiterzugeben.
Ich will aber auch nicht verschweigen, dass er sich einfach gern
junge Menschen – vornehmlich männlichen Geschlechts – ansieht.
Diesem Umstand verdanke ich immerhin auch meine unanfechtbare
Position innerhalb der Hierarchie.
„Der hier will Tierarzt werden, für ihn wäre also eher eine Stelle
im Labor etwas gewesen, aber da kann ich beim besten Willen niemanden mehr
disponieren!“
„Sollst du auch nicht. Er kommt morgen an und wird im Stall
arbeiten. Davon abgesehen will ich ihn bei den Turnierpferden einsetzen.“
Bei den Turnierpferden.
Man soll es kaum glauben, aber neben den zwei großen Stallungen
für die Stuten, dem Laufstall der Fohlen und den Ställen, in welchen die jungen
Pferde für das Renntraining und die Hengste stehen, gibt es hier einen weiteren
Stalltrakt mit zwanzig eigenen und knapp zwanzig fremden klassischen
Reitpferden. Dort stehen Spring-, Dressur- und Buschpferde erster Güteklasse.
Und, das sollte ich wohl erwähnen, dieser Stalltrakt fällt absolut und
unumstößlich in meinen
Verantwortungsbereich.
Ich habe dort die Leitung, ich entscheide, welche Pferde von wem
bewegt werden, und auch, welche Pensionspferde wir übernehmen. Die letzte
Entscheidung dort habe immer ich. Es ist mein Stall.
„Warte mal, du willst mir jemanden unterjubeln? Was soll denn
das?“ Ja, es regt mich auf! Ich habe mir die dortigen Mitarbeiter selbst auf
genau das eingearbeitet, was ich von ihnen verlange. Da kann er doch nicht
einfach reinfunken!
„Weil du ihn dort gebrauchen kannst.“ Lus Worte lassen keinen
Widerspruch zu, ich kenne den Unterton. Natürlich, als Gestütseigner hat er die
letzte Entscheidung, nachdenklich macht mich seine plötzliche Einmischung
dennoch.
„Du hast mir vor vier Jahren die Leitung deines Gestüts
übertragen, um mir jetzt bewusst und in voller Absicht dazwischenzugehen? Das
musst du mir wirklich mal erklären!“
„Muss ich nicht, das weißt du. Niemand greift deine Autorität an,
Kim. Du leistest hier hervorragende Arbeit, ich habe nie etwas Gegenteiliges
behauptet. Aber ich will diesen Jungen hier haben.“
Super, echt! „Und wieso schon morgen? Wieso kommt er nicht am
Montag an wie die anderen?“
„Weil du am Montag mit den drei anderen genug zu tun haben wirst.“
Oh, da hat er recht! Ich nicke unwillkürlich und muss über seine
Umsicht lächeln.
„Wann reist du ab?“ Er fliegt in Kürze nach Dubai, was für mich
und meine Arbeit letztlich nur einen Unterschied bedeutet – ich muss ein
paar Tage lang nicht meinen Arsch hinhalten.
Er hebt die Schultern. „Keine Ahnung, nicht vor Ende nächster
Woche, denke ich.“
„Okay, dann sollte ich sehen, dass eine Unterkunft für den hier
organisiert wird“, sage ich und blicke demonstrativ wieder in die noch
aufgeklappte Mappe.
„Das ist schon organisiert.“
Wie bitte? Bei diesem Maik macht er anscheinend keine halben
Sachen!
Lu seufzt auf meinen fragenden Blick hin und erklärt: „Er zieht in
die Zimmer über deiner Wohnung. Die Unterkünfte an den Ställen sind voll.“
Und wieso kommt er dann nicht ins Gutshaus? Ich stelle die Frage
erst gar nicht. Offensichtlich hat Lu alles generalstabsmäßig geplant, und mir
bleibt nur noch, das Ganze abzunicken. Das Nebengebäude, in welchem meine
Wohnung liegt, ist zwar auch im ersten Stock komplett eingerichtet, wird aber
nicht bewohnt. Das liegt schlicht daran, dass ich es bislang vermieden habe,
dort jemanden einzuquartieren. Ich kann es nicht leiden, wenn jemand über mir
herumtrampelt.
„Okay, dann brauche ich also nichts weiter tun, als ihm morgen zu
zeigen, was ihn hier erwartet?“
„Genau das.“
Wieder fällt mein Blick auf das Foto. Dunkelbraunes Haar, auf dem
der Kamerablitz leichte, golden schimmernde Lichtreflexe erzeugt hat. Dunkle, geschwungene
Augenbrauen, darunter Augen, die mich selbst aus dem Bild heraus zu
durchdringen scheinen. Einer der Gründe, wieso seine Bewerbung im Papierkorb
gelandet ist. Jadegrüne, wissende Augen.
Maik sieht jung aus. Wenn ich es noch richtig im Kopf habe, ist er
Anfang zwanzig. Vielleicht ist er ja schwul? Ich unterdrücke ein Grinsen im
letzten Moment.
Der zweite Grund, wieso ich ihn gleich ausgemustert habe, ist,
dass Lu es nicht akzeptiert, wenn ich innerhalb des Gestüts herumvögele. Und
dieser Maik wäre ... durchaus mein Beuteschema, gesetzt den Fall, dass er
schwul ist.
Ich verstehe Lus Beweggründe, immerhin wäre jeder, mit dem ich
hier herummache letztlich ein Untergebener. Und abgesehen von der eher
geschäftlichen Beziehung, die Lu zu mir pflegt, kann so etwas wohl kaum
gutgehen.
„Komm her“, sag Lu und ich sehe auf. Ich weiß sofort, was er will,
und gehe um den Schreibtisch. Seine Hände gleiten an meine Seiten, er dreht
mich herum und nur wenig später liege ich auf der Schreibtischunterlage.
Ich höre nicht einmal zu, wenn er mit seinem Dirtytalk anfängt,
ich spüre nichts, was mir durchaus entgegenkommt. Er dringt ein, er holt sich,
was er will, mir ist es egal. Nein, um ehrlich zu sein, ist es mir sogar ganz
recht so. Er liebt es, mich zu ficken – mich und niemanden sonst. Und das
ist mein Alleinstellungsmerkmal.
Er stöhnt laut, zieht sich irgendwann zurück und klapst mir auf
den nackten Hintern. Ich richte mich auf und ordne meine Kleidung. Erstaunt
begreife ich, dass ich einen Ständer habe. Wo kommt der denn plötzlich her? Von
Lus Fick ganz sicher nicht ...
Mein Blick fällt wieder auf das Foto in der offenen Mappe. Habe
ich gedankenverloren auf Maiks Gesicht gestarrt? Hat mich das erregt?
Verdammt!
Ich stopfe alles in meine Hose und schnappe mir im Hinausgehen die
Mappe. An der Tür bleibe ich noch einmal stehen. „Ich brauche eine neue
Leinwand für meinen Filmraum.“
Lu sieht mich an. „Reicht dein Gehalt etwa nicht mehr?“
Immer die gleiche Leier. Jedes Mal wenn ich eine Forderung stelle,
will er mir damit kommen, dass ich bereits genug bekomme, aber das sehe ich
durchaus anders.
„Ich hab dir die Daten der Leinwand gemailt. Sie liefern mit
Einbau.“
Er nickt und seufzt. „Geht in Ordnung.
„Wir sehen uns heute Abend“, sage ich und achte nicht einmal
darauf, ob Lu noch etwas sagt. Wenn ich etwas haben will, dann kriege ich es
gefälligst auch!
Davon abgesehen weiß er, immer wenn er mich gefickt hat, gehe ich
sofort duschen, weshalb ihn mein schneller Abgang sich nicht wundert.
Duschen ist Pflicht, danach. Dabei ist es vollkommen egal, dass er
immer ein Gummi benutzt.
Ich denke, es liegt eher an seinen restlichen Berührungen. Seinen
Händen an meiner Haut. Ich fühle dabei nur wenig, es ist fast so, als wäre ich
gegen Hautkontakt mit ihm immun. Es reizt mich nicht.
Aber ich will es von mir abwaschen. Zu Anfang ist das deutlich
extremer gewesen, mittlerweile ist es eher ein liebgewonnenes Ritual.
Er fickt mich, ich dusche. Ganz einfach.
~*~
Als ich in Anzug, frisch gestylt, rasiert und mit meinem
Lieblingsparfum auf der Haut im Gutshaus erscheine, sind die Wienerts noch
nicht da.
Es dauert noch eine knappe Viertelstunde, bis ihr Wagen vorfährt.
Das Abendessen verläuft wie immer. Ich bin der geistreiche Kompagnon von Lu,
wir scherzen, essen, trinken Wein und amüsieren uns, tauschen neuesten Klatsch
aus, kurzum, es macht Spaß. Diese gesellschaftlichen Treffen genieße ich fast
so sehr wie echten Sex. Besonders, wenn so ein ansehnlicher Gast am Tisch
sitzt.
Der neunzehnjährige Sohn von Frau Wienert heißt Timeon und ist
einfach niedlich. Er steht auf mich, das sehe ich in jedem Blick. Wir flirten
den ganzen Abend wortlos und unauffällig. Vor ein paar Monaten ist er mir
nachgelaufen, als ich während des Dinners kurz ins Bad verschwunden bin. Damals
habe ich ihn zum ersten Mal gevögelt.
Ob er heute auch wieder ...? Das kann ich ja ganz leicht herausfinden.
Ich erhebe mich mit einem „Sie entschuldigen mich bitte kurz“ und verschwinde
aus dem Speisezimmer.
Ich grinse schon, bevor ich die Tür hinter mir schließe, denn
Timeons Blick trifft mich. Oh ja, er wird mir folgen. Das Blut schießt in
meinen Unterleib. Der Gedanke an seinen Körper reicht dazu aus. Wobei es mir
sehr entgegenkommt, dass er passiv ist.
Es dauert nur Augenblicke, in denen ich über den dicken Teppich
des langen Flures schlendere, dann höre ich die Tür erneut und wenig später
schließt er zu mir auf.
„Wird das jetzt zur Gewohnheit?“, erkundige ich mich und werfe ihm
einen Blick zu. Er sieht ganz süß aus. Blond, ein paar winzige Sommersprossen
auf Nase und Wangen, schlanker Körper, ein Reiter. Flache Muskeln schlummern
unter seiner Haut und ich erinnere mich wirklich gern an seinen Hintern.
„Hättest du was dagegen?“
Ich grinse. „Gegen deinen süßen Arsch? Kaum. Hätte allerdings
gedacht, dass du dir einen festen Stecher geangelt hast.“
Sein Gesicht überschattet sich. „Hatte ich, aber er war ein
Arschloch.“
Tja, Junge, welcher Kerl ist das nicht?
„Es gibt nur Arschlöcher, Timeon. Freunde dich damit an.“
Er schnaubt leise. „Bist du auch eins?“
„Klar! Du weißt genau, auf was du dich einlässt, wenn du mir schon
nachsteigst. Verrenn dich nicht. Von mir wirst du nie mehr als ein bisschen Sex
kriegen. Ich bin bei absolut niemandem an mehr interessiert.“ Davon abgesehen
fängt der Kleine im August als Auszubildender im Turnierstall an. Er ist ab da
so oder so tabu.
Er nickt verstehend. „Ich weiß. Ist aber okay für mich.“
Ich blicke ihn forschend an. Meint er das ernst? Oder hat er sich
in mich verknallt?
Ich atme beruhigt auf. Nein, er weiß wirklich, was Phase ist, und investiert
auch keine blödsinnigen Gefühle. Gut so, dann macht’s mehr Spaß.
„Na gut, dann komm!“ Ich ergreife seine Hand und ziehe ihn
mit mir.
© Nathan Jaeger
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