Leseprobe
Teil 1
von
Gerry Stratmann
Die Arme fest um meinen Oberkörper geschlungen stehe ich am
Schlafzimmerfenster und starre ich den samtschwarzen, mit diamantglitzernden
Sprenkeln übersäten Nachthimmel.
Wie heißt dieses Sternbild noch mal? Mensch, mein Kopf ist
momentan nicht in bester Verfassung. Dabei habe ich schon als kleiner Junge
gewusst, wie die verschiedenen Himmelskörper heißen, wie sie aussehen und wo
ich die Konstellationen am Firmament suchen muss.
Ahhhh, jetzt fällt es mir wieder ein – Virgo, der
lateinische Name für Jungfrau. Die hellsten Punkte stellen eine liegende Person
dar.
Weiter kann ich meine Überlegungen nicht ausführen. ‚Person‘
assoziiert mein dämlicher Kopf umgehend mit ‚Mann‘.
Natürlich nicht mit irgendeinem, das wäre schließlich nicht weiter aufregend. Nein, mein Verstand schafft eine Verbindung zu genau dem Mann, an den ich nicht denken will.
Gestern, beim Einkaufen im Supermarkt, hatte ich eine Unheimliche Begegnung der Dritten Art.
Am Obststand kullerten durch meine angeborene
Ungeschicklichkeit mehrere Äpfel auf den Boden. Ich bückte mich und wollte sie
aufsammeln, schon knallte mein Schädel unangenehm gegen einen anderen. Mit
schmerzverzerrtem Gesicht blickte ich auf, wollte mich für meine Unachtsamkeit
entschuldigen und starrte in ungewöhnlich faszinierende grüne Augen.
Mein Kiefer klappte herunter und ich dürfte wohl den selten
dämlichsten Anblick geboten haben, den die Welt je gesehen hat. Das Ganze
dauerte nur Sekunden, doch die Erinnerung bringt mich jedes Mal aus der
Fassung.
Das Gesicht des Fremden erstarrte in dem Moment, als unsere
Blicke sich trafen, zu einer eisigen, abweisenden Maske. Unmutiges Schnauben
erklang. Das von ihm eingesammelte Obst flog mit einer herrischen Bewegung
zurück in die Auslage. Eine fließende Bewegung, schon wandte er mir den Rücken
zu und verschwand mit weit ausholenden Schritten aus meinem Blickfeld.
Ich werde sein Bild nicht mehr los. Daher stehe ich die
meiste Zeit verloren am Fenster und starre hinaus. Diese traumhaften Augen, das
schwarze lange Haar. Er dürfte in etwa meine Größe haben und seine
Kehrseite … anbetungswürdig. Die Erinnerung an den knackigen Arsch in
dieser verflucht engen Lederhose … ohne Worte.
Was bringt mir das? Nichts! Ich sabbere im Geheimen einen
Typen an, der bei meinem Anblick zu Eis erstarrt. Außerdem kenne ich weder
seinen Namen noch weiß ich, wo ich ihn suchen soll.
Da ich manchmal seltsame Ideen habe, bin ich heute, nach der
Arbeit, stundenlang durch den Supermarkt geschlichen. Selbst meine Abneigung
gegen viele Menschen hat mich nicht davor zurückschrecken lassen. Das Personal
beäugte mich nach einiger Zeit allerdings mehr als misstrauisch, daher machte
ich lieber einen Abgang.
Das Klingeln des Telefons reißt mich aus den unfruchtbaren
Überlegungen.
„Keith Baker“, melde ich mich, ohne vorher einen Blick auf
das Display zu werfen.
„Hä, wie bist du denn drauf? Wirst du jetzt vornehm?“
Die Stimme meines Freundes Charly klingt irritiert. Kein
Wunder, normalerweise begrüße ich ihn anders.
„Sorry, mein durchgeknalltes Hirn hat mich abgelenkt. Was
gibt’s denn?“
„Mensch, Keith, morgen ist Samstag. Ich will dich daran
erinnern, dass wir mit der Clique im Palais
verabredet sind. Du brauchst gar nicht so tief Luft holen. Kneifen gilt nicht,
sonst hole ich dich persönlich ab.“
Wah, immer diese nervenden Treffen in den angesagten Clubs.
Ich hasse das. Allerdings kenne ich Charly und weiß, dass er nicht locker
lassen wird. Ergeben stöhne ich.
„Ja, ich bin dabei. Aber wenn mir langweilig wird, haue ich
ab.“
„Alles klar, Sturkopf. Das werden wir dann sehen. Bis
morgen. Übrigens, wirf mal einen Blick auf die Uhr. Schaff deinen Arsch ins
Bett. Tschöööö.“
Ehe ich antworten kann, hat er bereits aufgelegt. Dieser
Spinner! Ruft mich nachts um eins an und meckert, dass ich noch wach bin. Na
ja, niemand kennt mich so gut wie Charly. Der weiß, dass ich um diese Zeit noch
nicht schlafe.
Das morgige Treffen lässt meinen Magen verkrampfen. Mist!
Mist! Mist! Ich habe keinen Bock auf einen weiteren, an meiner Psyche zerrenden
Abend.
* * * *
Missmutig treffe ich kurz nach 22 Uhr am Palais ein. Nach sechsfachen
freundlichen Umarmungen, Schulterklopfen und dämlichen Sprüchen entern wir den
Laden.
Zu voll! Zu heiß! Zu eng! Ständig rempelt mich jemand an.
Ich verabscheue diese Nähe und ganz besonders die taxierenden Blicke. Mein
Selbstschutzradar springt an. Kreuz durchdrücken, Kopf hoch und den bösen Blick
aufsetzen. Eine deutliche Warnung an alle, mir bloß nicht auf den Nerv zu
gehen.
„Keith, hör auf damit!“, brüllt mir Charly ins Ohr. Anders
ist eine Unterhaltung bei der tosenden Lautstärke nicht möglich.
Wenn die hier wenigstens anständige Musik spielen würden.
Aber nein! Der DJ legt nur Techno oder Trance auf. Etwas, das ich liebend gerne
mit meinem MP3 Player, In-Ears und einer tödlich lauten Dosis Megaherz
bekämpfen würde.
„Lass mich in Ruhe!“, gröle ich zurück. „Ich bin gekommen,
das heißt aber nicht, dass es mir gefallen muss.“
Resigniert zuckt er mit den Schultern. Ihm wird klar sein,
dass ich nicht lange bleibe. Was soll ich auch hier? Die Mucke ist Scheiße. Die
Leute gehen mir auf den Geist. Eine sinnvolle Unterhaltung ist nicht möglich.
„Hallo, mein Hübscher. Dass ich dich ausgerechnet hier
treffe. Wie schön.“
Bullshit! Das hat mir noch gefehlt. Ausgerechnet Cade muss
mir über den Weg laufen. Ich kann diesen Kerl nicht ausstehen. Dreimal habe ich
ihm unmissverständlich klar gemacht, dass mein Arsch für ihn Restricted Area
ist. Anscheinend verlieren sich meine Worte in dem Hohlraum zwischen seinen
Ohren. Mangels Masse ‚Betreten verboten‘,
signalisiert mein Hirn. Nur mühsam halte ich meine Maske aufrecht. Jetzt zu
grinsen wäre ein Fehler.
Aber hey, der giftige Blick aus meinen braunen Augen genügt
heute. Er zieht den Schwanz ein und verschwindet in den wogenden Massen. Leider
habe ich durch diese kurze Einlage meine Kumpels aus den Augen verloren. Böse
Falle.
Allein auf weiter Flur. Nur Fremde um mich herum. Niemand,
der für mich das Reden übernimmt. Ich könnte Charly erwürgen!
Ich klammere mich an meine Wut. Sie rettet mich auf dem Weg
zur Theke. Unterwegs bricht mir trotzdem der Schweiß aus. Ich muss gleich mit
irgendwem reden, wenn ich was zu trinken bestellen will.
Leute, die mir an die Wäsche wollen, kann ich prima
abwehren, dazu brauche ich selten Worte. Alltägliche Dinge sind weitaus schwerer
zu bewältigen. Einem fast unlösbaren Problem nähere ich mich gerade.
Der Barmann kennt mich vom Sehen und lächelt mir freundlich
entgegen. „Wodka, wie immer?“ Fragend schaut er mich an.
Keith, mach’s Maul
auf, verdammt! Der imaginäre Tritt in meinen Arsch hilft.
„Ja, aber ein Wasserglas voll. Ohne Eis.“ Kaum verständlich
würge ich die Worte aus meiner Kehle.
Hat er mich gehört?
Bitte, ihr Engel, Teufel oder Dämonen, was immer die Welt zusammenhält, helft
mir – nur ein Mal. Puh, er hat es gerafft. Er hält ein wunderbar großes
Glas in der Hand und füllt es pinnchenweise bis zum Eichstrich.
Ein teures Vergnügen, aber das ist mir die Sache wert. So
muss ich keine weiteren Bestellungen aufgeben. Ich werde mir eine ruhige Ecke
suchen, langsam austrinken und danach heimlich verschwinden.
Erst mal einen kräftigen Schluck und dann los. Mit dem Glas
in der Hand steuere ich einen dunklen Bereich am äußersten Rand dieser großen
Halle an. In den Schatten kann ich mich verkriechen. Hier bin ich sicher vor zu
viel Ansprache.
Die Lider halb gesenkt, um niemanden direkt anschauen zu
müssen, bin ich auf der Suche nach einem freien Stehtisch. Das Kribbeln auf
meiner Haut ist mir nur allzu bekannt. Ich werde mal wieder genau beäugt.
Leute, ich weiß doch, dass ich Aufsehen errege. Meine langen
Haare, die Piercings und Tattoos fallen auf. Da ich nicht gerade klein und
schmächtig gebaut bin, überrage ich fast jeden. Aber müsst ihr mich deshalb
anstarren? Andere sind nicht weniger auffällig, die stiert ihr auch nicht blöde
an.
Na ja, vielleicht sollte ich einfach mal meine extreme
Eitelkeit in eine Zwangsjacke stopfen. Aber zuhause, vor dem Spiegel, gibt es
keine andere Entscheidung. Immer wieder das Gleiche. Möglichst viel Haut
zeigen, enge, tief sitzende Hose, körperbetonendes ärmelloses Shirt. Sobald ich
auf der Straße stehe, kommt die Reue, trotzdem kann ich mich nie dazu zwingen,
es zu lassen.
Endlich entdecke ich einen freien Tisch. Ich lehne mich
halbwegs entspannt mit dem Rücken an die kühle Backsteinmauer. Schatten, Schutz,
trügerische Sicherheit. Noch immer ist mir viel zu heiß. Das Blut jagt panisch
durch meine Adern. Erst in der Geborgenheit meiner eigenen vier Wände wird
dieser Zustand abklingen.
Um mir die Zeit zu vertreiben, checke ich die Leute in
meiner näheren Umgebung. Pärchen, knutschend oder herumalbernd. Größere
Gruppen, die einen lustigen Abend miteinander verbringen.
Mein Herz setzt ein paar Schläge aus.
Ein einzelner Mann … strahlend in Szene gesetzt durch
das Spotlight über seinem Platz. Den Ellenbogen auf die Platte des Stehtisches
gestützt, bietet er auf den ersten Blick ein lässiges Bild. Seine Gesichtszüge
drücken dagegen etwas völlig anderes aus. Arroganz, die durch das herablassende
Lächeln auf seinen Lippen unterstrichen wird. Der Kerl aus dem Supermarkt!
Flucht! Mein erster Gedanke.
Feigling – brüllt
mein Kopf.
Ich drücke mich eng an die Wand, verharre ganz still. Bloß
nicht seine Aufmerksamkeit erregen. Ich möchte ihn nur anschauen. Die zwischen
uns fließende magische Energie empfange ich als winzige Stromschläge auf meiner
Haut.
Er ist nicht weniger auffallend gestylt als ich. Auch heute
steckt er in verboten engem schwarzem Leder. Ein Longsleeve, in der Farbe
seiner Iriden, gibt seiner beeindruckenden Erscheinung den letzten Kick.
Ihn starrt jedoch niemand an. Kurzer Blickkontakt, hastig
gesenkte Köpfe, sofortiger Rückzug. So reagieren alle, die ihm zu nahe kommen.
Wie macht der Kerl das? Er hat es nicht nötig, die Leute
minutenlang niederzustarren. Jeder einzelne Gast reagiert umgehend. Echt, er
hat meine Bewunderung und ich bin verdammt neidisch.
Verflucht! Sein Kopf wendet sich in meine Richtung. Er kann
mich nicht sehen. Das darf einfach nicht sein. Es ist zu dunkel hier.
Meine Haut juckt, mir wird eiskalt. Erkennen blitzt in den
ungewöhnlichen Augen auf. Süffisant verziehen sich seine Lippen, die
Augenbrauen fliegen fast bis zum Haaransatz, der Blick wird abfällig. Eine
deutliche Warnung, sich ihm nicht zu nähern. Oh Mann, die Nummer hat er drauf.
Jetzt wird mir einiges klar.
© Gerry Stratmann / Nathan Jaeger / Gay-fusioN GbR
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